Frei von … ja von was eigentlich? – Gedankenbuch

Vor einigen Monaten habe ich noch behauptet, dass ich Greta so wenig wie möglich erziehen will. Ich will sie nicht erziehen oder Formen. Ich will sie nicht anders machen, als sie ist. Sie soll sein, wer sie ist und sich so von außen angenommen fühlen, damit sie nie mit sich ins hadern kommt. Eigentlich soll es ihr egal sein, wie andere sie (be)werten. Sie soll autonom sein und wissen, Was sie will. Sie Soll, nein sie wird, diese Welt zu einem besseren Ort machen. Und perfekt – Das ist sie ja eh. Uff – das ist irgendwie doch ganz viel Erwartung und Druck – oder?

Wenn ich darüber nachdenke, habe ich sehr wohl ein klares Bild meines Kindes vor Augen, stelle sie mir vor, male mir ihr Leben aus. Ich träume von ihr und ihrer Zukunft. Und daran ist sicher nichts falsch. Nein, Das ist sicher normal. Ich beobachte sie ganz bewusst und still, wie sie sich ausdrückt, ausprobiert und mit Menschen und Tieren in Beziehung tritt. Und ja ich merke, wie perfekt sie ist. Für mich. Weil sie meine Tochter ist. Weil uns ein Band verknüpft, das ich nicht erklären kann. Weil in ihrem Körper ein Stück meines Herzens schlägt. Nicht, Weil sie so ist wie ich, sondern weil sie als Teil meines Körpers in dieses Leben gefunden hat. In ihr Leben, das sie irgendwann aktiv gestalten wird. Das sie hoffentlich in die Hand nehmen und glücklich leben wird. Irgendwann wird es Taten oder Verhaltensweisen von ihr geben, die ich nicht gut finde oder verstehe – aber die gibt es umgekehrt ja genauso und auch davon leben Beziehungen. Konflikte und unterschiedliche Erwartungen gehören doch irgendwie dazu, denn am Ende bieten sie auch die Möglichkeit, dass wir an und mit ihnen wachsen. Oder?

Bis dahin jedoch kann ich mich nicht entziehen. Und ich kann vor allem eines nicht: Keinen Einfluss auf sie haben. So wenig, wie wir nicht nicht kommunizieren können, können wir nicht nicht erziehen. Hier kommen wir -so glaube Ich- an einen Punkt, an dem Definitionen die frei von Wertung sind, von großer Bedeutung sind. Wir alle wissen, dass Kinder vor allem ihre sozialen Kompetenzen durch beobachten, kopieren und imitieren, Also Nachahmung, erlernen. Sie übernehmen Werte und Verhaltensweisen. Sie bemerken, wie wir Beziehungen gestalten oder auch den Haushalt führen, über die Straße gehen, uns mit dem Handy beschäftigen… ist das nicht auch schon Erziehung? Bringe ich meinem Kind nicht bewusst bei an der Straße anzuhalten, zur Seite zu sehen und erst dann hinüber zu gehen? Versuche ich meiner Tochter nicht zu vermitteln, auf andere zu achten, zu Hilfe zu eilen oder auch mal nein zu sagen? Binde ich sie nicht in den Haushalt, Versorgung von Kusko und das Kochen ein, dass ihr diese Tätigkeiten später mit Freude und leicht von der Hand gehen? Wenn nicht mit Freude, dann wenigstens aus Gewohnheit

frei von erziehung_ Gedankenbuch

Ich glaube ich kann nicht mit einem Menschen so intensiv, eng und zugewandt zusammen leben ohne auf ihn abzufärben. Von Freundinnen oder Partnern habe ich mir auch die ein oder andere Sache übernommen. Sowas passiert scheinbar unser ganzes Leben lang. Dass das ganze keine Einbahnstraße ist, merke ich spätestens wenn Greta mich entschleunigt, mir die Welt aus ihren Augen und komplett neue Dinge zeigt.

Und ja: manche Dinge vermittle ich bewusst-manche sagen manipulativ, ich sage formen. Ich sage als Vorbild oder auch zu ihrem Schutz. Andere Dinge werden unbewusst weiter gegeben. Dazu fallen mir neben manchen Worten sicher auch Verhaltensweisen und Werte ein. (Ich meine hierbei nicht, dass ich meinem Kind aktiv gegenüber äußere „Du musst teilen./dich entschuldigen/bitte sagen.“ – Solche Dinge halte ich für nicht sinnvoll.)

Ich denke das meine Haltung mir selbst gegenüber, also wie ich mit mir umgehe und auch wie ich mit anderen Menschen im Beziehung trete (vor allem wenn hier Unterschiede gemacht werden), sehr wohl Einfluss auf meine Tochter haben. Irgendwann wird sie diese bewusst für sich erkennen, hinterfragen und abwägen können, wie sie es halten will. Aber bis das soweit ist, ist sie ihnen erstmal ausgesetzt und das wird bei ihr Spuren hinterlassen.

Das ist eine große Verantwortung, der ich mich nicht entziehen kann und will. Deswegen denke ich, dass ich nicht nicht erziehen kann, auch wenn ich mein Kind weiterhin nicht verbiegen und aus ihr einen anderen -oder gehorsamen Mensch- machen will. Ich kann diesen Einfluss, den ich zwangsläufig auf sie habe, weder getrennt von unserer Beziehungsdynamik, noch meinem Wunsch nach enger Bindung oder Bedürfnisorientierung sehen. Wir als Menschen, unsere Leben, unsere Welt, verdienen es ganzheitlich wahrgenommen zu werden. Und dazu zählt eben auch der Einfluss den wir aufeinander haben. Denn dieser muss nichts schlechtes bedeuten.

Unsere Kinder – Weltverbesserer von Morgen? Nein!

Und wenn ich sage, dass ich mir wünsche, dass mein Kind die Welt später zu einem besseren Ort mache, schwingt natürlich auch hier eine persönliche Wertung mit. Ich habe für mich definiert, was „gut“ Und demnach „besser“ bedeutet und mache das an bestimmten Kriterien -Bsp. Nächstenliebe, vegane Lebensweise, Minimalismus – fest. Ich habe im Kopf wie dieses eine bessere Welt aussehen und erreicht werden kann und soll. Ich suche für mich Strategien und lebe sie – Und beeinflusse damit mein Kind, forme es irgendwie ja doch und habe in bestimmten Punkten ein Bild von einem Menschen vor mir, den ich mir für diese Welt wünsche. Aber wer sagt mir, dass das genau Ist, was mein Kind will? Ihr merkt, Es ist (für mich) nicht so leicht da eine klare Trennung zu ziehen. Ich habe in den vergangenen Wochen versucht mir darüber immer klarer und bewusster zu werden. Ich möchte keine solch utopischen Erwartungen mehr an mein Kind haben. (…und vor allem nicht zeitgleich behaupten, ich würde mein Kind gänzlich frei von Erziehung aufwachsen lassen.) Meine Welt ist allein durch die Existenz meiner Tochter zu einem besseren Ort geworden. Mehr kann und darf ich nicht erwarten, denn der Rest liegt bei ihr. Alles andere wäre auch eine unglaublich große, beinahe erdrückende Bürde, welche ich auf ihre zarten Schultern ablegen würde. Meine Welt ist durch sie ein besserer Ort. Mein Leben ist erfüllter, aber das ist mein Gefühl und sicher darf ich mein Kind ebenfalls nicht zu meinem einzigen Lebensinhalt machen. Das wäre ihr gegenüber genauso unfair wie psychologisch besorgniserregend.

Sie wird vielleicht irgendwann genau in den Punkten die so wichtige Rebellion üben, die mir wichtig sind, Und dann werde ich mich damit arrangieren müssen. Oder sie rebelliert nicht. Das wäre auch okay. Es werden definitiv Reibungspunkte kommen, die sie in ihrer Autonomie voran bringen werden und mich bestimmt auch mal verzweifeln lassen.

Bis dahin bleibt mir dieses große Glück sie begleiten und ihr ein Vorbild sein zu dürfen – mit all meinen Eigenschaften, die zu mir gehören. Und vielleicht irgendwann auch in einer Form zu ihren. Ich will mir bewusst sein, dass ich mit meinem Verhalten, dem Ausdruck meiner Emotionen, meinem Sprechen und handeln sehr wohl Einfluss auf sie habe.

Wie sind deine Gedanken dazu? Lebst du vollkommen frei von Erziehung – oder ist es eher eine Definitionssache? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar!

Herzlichst, Antonia


Es handelt sich hier um meine Gedanken zum Thema „Ich erziehe mein Kind nicht.“ Der aktuelle Diskurs und die Neudefinierung einzelner Begriffe ist sehr weitreichend und umfangreich. Dies ist keine wissenschaftliche Abhandlung oder Beleuchtung anderer Meinungen. Ich bin mir natürlich darüber bewusst, dass niemand -ob nun mit oder „ohne“ Erziehung sein Kind auf die Straße laufen lassen wird ohne einzugreifen. Ich bin mir auch bewusst, dass der Diskurs über den Begriff Erziehung sehr wichtig und wertvoll ist. Denn allein die bewusste Auseinandersetzung mit unseren Worten und Taten kann zu Veränderung führen (sofern diese dann gewünscht ist.

3 Kommentare zu „Frei von … ja von was eigentlich? – Gedankenbuch

  1. Ich denke, das ist irgendwie auch eine Definitionssache. Erziehung hat für mich immer was mit Machtmissbrauch und Manipulation zu tun!
    Wenn du schreibst, dass du bei engem Zusammenleben mit Freundinnen oder Partnern die ein oder andere Sache übernommen hast, bedeutet es ja auch nicht, dass diese dich erzogen haben?! Außer, sie haben dich bewusst in die Richtung gezogen…
    Aber da wir alle soziale Wesen sind, ist es glaub ich nur normal, dass wir voneinander lernen, uns Dinge abschauen und auch nachahmen. Gerade kleine Kinder haben ja nur diese eine Möglichkeit um es sich anzueignen ‚wie die Welt funktioniert‘.

    Du malst dir für dein Kind eine Zukunft aus – es will doch jeder Elternteil nur das Beste für seine Kinder. Solange du sie nicht in deine Zukunftsvisionen drängst und es vorurteilsfrei akzeptieren kannst, falls dein Kind ganz anders als in deinen Visionen wird, ist doch alles gut 😄

    Ich habe oft das Gefühl, dass man sich um manches einfach zu viele Gedanken macht (mich eingeschlossen). Was wiederrum zur Definitionsache führt…. Beeinflussen wirst du dein Kind sein Leben lang…

    Alles Liebe cao

    Gefällt mir

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar !

      Ja es ist und bleibt wirklich eine klare Definitionssache – geht man von Fröbels Worten aus „Erziehung ist Beispiel und Liebe – sonst nichts.“, schließt das ja Manipulation aus, bezeichnet das ganze jedoch trotzdem als Erziehung.
      Wo fängt deiner Meinung nach Manipulation an und wo hört sie auf (beim loben, erpressen, drohen)? Ich weiß einfach nicht, ob es gut ist, per se allen Gewalt und böse Absichten zu unterstellen, die erziehen und ob man sich eben komplett davon lossagen kann.

      Und liegt der Unterschied für dich hauptsächlich zwischen bewusster und unbewusster Formung?

      Gefällt mir

      1. Ehrlichgesagt habe ich mich mit ‚offiziellen‘ Definitionen nicht befasst, bei Fröbels Worten kommt es mir so vor, als würde vom umgansgsprachlichen „ein Kind aufziehen“ die Rede sein. Damit meine ich, dass es um die ‚Begleitung beim Aufwachsen und dem Kind die Welt erklären‘ geht und nicht um Erziehung im Sinne von „du musst mit Gabel essen, schön aufessen und dabei ja gerade und ruhig sitzen“.
        Ich hoffe du weißt, was ich meine 😊 aber ja, es ist weiterhin Defionitionssache…
        Ich glaube es liegt eher nicht am Unterschied zwischen bewusst und unbewusst, sondern an der Einstellung und Motivation dahinter. Ich putze mir beispielsweise die Zähne. Mein Kind macht mit, ich zwinge es aber nicht. Sicherlich hätte ich gerne, dass die Zähne gesund bleiben und es jeden Tag gründlich putzt, daher erkläre ich auch, wieso ich es tue. Aber ich erzähle keine übertriebenen Schauergeschichten, noch versuche ich es in irgendeiner aktiv Form zu beeinflussen – was ich allein dadurch, dass ich putze aber natürlich schon mache. Wenn es geputzt hat, hat es geputzt (ohne dafür Lob zu erhalten) und wenn nicht, dann nicht (ohne Tadel). Und Gewalt a la Mund auf und Bürste rein gibts hier sowieso nicht!
        Mein Kind putzt mittlerweile regelmäßig und möchte, dass ich oder mein Mann nachputzen. Sicherlich wird das Kind durch unser Tun beeinflusst, wir machen das aber nicht, damit es sich auch jeden Tag die Zähne putzt, sondern weil wir eben unsere Zähne putzen wollen.
        Ich finde es sollte kein „ich will das so und deswegen musst du“ geben. Das gibt es aber leider allzu oft, zumindest in meiner Umgebung bekomme ich es immer wieder mit. Das ist Machtmissbrauch. Mal abgesegen von den wenigen legitimen Ausnahmen, weil das Kind wirklich in akuter Gefahr ist.
        Man muss jetzt niemanden böse Absichten unterstellen, viele machen es einfach so, wie sie es kennen, selbst erlebt haben, wie die Gesellschaft es für richtig hält etc. Ich glaube, vielen ist es auch gar nicht bewusst, dass sie ihre Kinder manipulieren und in Richtugen drängen, die den Eltern selbst gefallen.
        Und nachdem niemand perfekt ist, ist es wahrscheinlich nahezu unmöglich, sich wirklich ganz komplett von diesen „Erziehungsmustern“ loszusagen… aber meiner Meinung nach ist jeder Schritt dahin schon ein Schritt in die richtige Richtung.
        Alles Liebe cao

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s