Mein Schneckenhaus

Schon vor einiger Zeit sprach ich mit einer Kollegin, heute mit einer Freundin darüber: Was für ein Glück wir haben, in einer vernetzten Gesellschaft zu leben. Und in meinem Empfinden ist es auch eine große Chance und Zugabe unserer Zeit, dass wir hier äußeren und gesellschaftliche Umstände vorfinden, die uns vieles überhaupt erst erlauben: Wir haben die Möglichkeit, uns über viele Dinge Gedanken zu machen (manchmal zu viele) und sie bewusst wahrzunehmen, uns bewusst zu machen. Vor allem in Bezug auf uns, unsere Entwicklung und auch, wie wir unseren Kindern begegnen wollen (bzw. können) und wie diese aufwachsen sollen (bzw. Können) ist das eine unglaubliche Chance die sich da auftut, und die wir -sofern es die Umstände es zulassen- auf jeden Fall ergreifen sollten! Denn Weiterentwicklung -Evolution- ist doch das, was uns naturgegeben ist. Oder?

Ich glaube mein Leben als Mama wäre vor 20,30,40 Jahren anders gelaufen als jetzt (als Frau ja sowieso). Damals wäre ich mit meinem Baby vielleicht fremdbestimmt in einem Schneckenhaus gelandet oder wäre an einer Stelle kleben geblieben. Wer weiß, ob ich je meine Fühler ausgestreckt und andere Wege beschritten hätte?

Mein Schneckenhaus ist geformt aus persönlicher Prägung von -vor allem erlebter- Erziehung, aber auch Wissen und gesellschaftliche Normen. Es besteht also aus ganz schön vielen, aber vor allem fremdbestimmten, gesteuerten Dingen, die mich direkt berühren. Sie sind also nicht mein Innerstes, aber haben dieses beeinflusst und mit geformt. Und doch kann ich mich von ihnen los sagen, wenn ich bereit bin.

So ein Schneckenhaus kann schwer werden, kann erdrücken, bedrücken und von innen betrachtet, fällt es gar nicht so leicht zu erspüren, wieso es so ist. Warum drückt es hier? Wieso fühlt sich das seltsam oder schlecht an? Warum erscheint mir das falsch? Dafür muss ich einmal hinaus sehen, meine Fühler ausstrecken, einen Schritt vorwärts wagen: Passt dieses Haus denn noch zu mir? Ist es noch aktuell? Oder ist es gebröckelt, überholt und einfach nur noch Ballast, der ohne zu hinterfragen mitgeschleppt wird? (Neu erworbenes Wissen)

Ein Schneckenhaus kann sehr wohl dem Schutz des Trägers dienen – aber Schutz wovor? Vielleicht der Angst zu erkennen, das Aspekte der eigenen Erziehung nicht gut waren – denn das tut weh – nicht nur einem selbst, sondern auch den Eltern. (Der eigenen Kindheit stellen, hinsehen „wo es weh tut“, wie Wiebke von Piepmadame gerne formuliert)

Wenn es im Haus zu eng wird, man ihm entwächst, haben wir die tolle Möglichkeit uns über viele Kilometer, Grenzen, Sprachen und Kulturen hinweg austauschen. Wir können auf immer mehr gute Ratgeber zurückgreifen, Blogs durchforsten oder uns in Kursen und Gruppen austauschen. Das digitale Vernetzen mit Gleichgesinnten empfinde ich als großartig!!! Wir können einander Wissen zur Verfügung stellen: In Form von evaluiertem als auch erworbenen, eigenen Erfahrungen.

Wir haben das große Glück, dass wir uns inspirieren lassen und herauslocken lassen können, durch andere, die ihr Haus schon zurück gelassen haben. Für manche Teile des Schneckenhauses – für besonders starke, große – braucht es extreme, laute Stimmen, die hindurch dringen und Aufsehen erregen. Andere klopfen zaghaft an und regen unbewusst zum Nachdenken, zum Überdenken an.

Wenn wir es aus eigener Kraft schaffen – egal aus welchen Beweggründen- und niemanden vor der Haustür finden, vielleicht doch wieder ins nahe gelegene Haus zurückkriechen wollen, können wir in unserer digitalen Welt Zuspruch bei Unsicherheiten finden. Dort können wir mit den Menschen gezielt in Kontakt treten, die uns voran bringen und die anderen (hoffentlich) ausblenden. Wieder andere können wir aus digitaler Ferne betrachten und so weiter Impulse aufnehmen, die durch das alte Haus abgeblockt geblieben wären.

Wir müssen nicht mehr „nur“ auf das Wissen des Kinderarztes um die Ecke vertrauen, uns nicht von Anderen gegen unser Gefühl treiben lassen, sondern können uns bewusst dafür entscheiden uns umzusehen: Wem geht es noch wie mir/meiner Familie? Wer hat ähnliche Erfahrungen? Wer hat Tipps? Welche davon kann ich probieren? (Andere lasse ich einfach weg!) Machen es andere ähnlich wie ich? Wer kann mir ein Gefühl von Sicherheit geben? Wo finde ich einen Kreis, der mir hilft mein Schneckenhaus weiter hinter mir zu lassen? Vor allem haben immer mehr Menschen Zugang zu evaluierten Wissen und gut recherchierten Beiträgen. Das ist einfach großartig, dieses Internet! 😉

Natürlich birgt all dies auch Gefahren: Auch hier sind Fremdsteuerung und -bestimmung und vor allem Verunsicherungen möglich. Es kann ebenso übers Ziel hinaus geschossen oder Blödsinn verbreitet werden, wie im realen Alltag. Jedoch können wir hier filtern, was auf unserer Timeline erscheint. Alles hat seine guten und schlechten Seiten – ABER nur das wenigste auf dieser Welt ist rein schwarz oder weiß. Es gibt unendlich viele GraustufenEs ist natürlich Zufall wo wir heute geboren werden und ob wir Zugang zu diesen Möglichkeiten haben.

img_5827Was wir am Ende daraus machen, liegt in unserer Verantwortung.

Auf den Weg wollte ich mich allein machen und streckte meine Fühler so weit aus, bis mein Körper folgte. Wie genau ich das anstelle, habe ich an vielen Stellen hier erfahren: Bei euch inspirierenden Menschen, die andere teilhaben lassen. Ich spüre und sehe viele leere Schneckenhäuser in meiner Blase. Ich lausche Gedanken, lese von Reisen und Wegen, nehme Impulse von lauten und leisen Personen, lasse meinen Kopf manchmal zu oft auch um Kleinigkeiten kreisen, versuche mich von meinem Schneckenhaus zu trennen. Es gelingt nicht immer, aber das muss es vielleicht auch nicht. Die Sache mit dem Perfektionismus ist ja wieder eine andere Sache.

Also, was machst du draus?

Herzlichst, Antonia


Diesen Beitrag sehe ich als Ergänzung zu meinem Beitrag Zeig mir den Weg – AP Blogger und die Verantwortung

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