Zeig mir den Weg – AP Blogger und die Verantwortung

…zwischen Dogmen, Selbstdarstellung und Beratung

In Ergänzung zu meinem Instagram Post, wie ich meinen Mitmenschen begegnen will (klick), möchte ich mir heute etwas von der Seele schreiben, das mich nun über längere Zeit beschäftigt. Nach dem sich nun ein weiteres Profil von Instagram verabschiedet hat, ist es mir besonders dringlich. Sonst hätte ich es vielleicht nie so beschrieben.

Ich beobachte nun seit einiger Zeit Attachment Parenting Profile, Blogs und Gruppen. Ich begleite fremde Menschen virtuell über eine gewisse Zeit oder dauerhaft. Ich nehme an ihren Leben teil, bzw. an dem, was sie mir bereit sind zu zeigen. Es sind Fragmente, Ausschnitte ihrer Wirklichkeit. Nicht meiner Wirklichkeit. Ich folge ihnen gerne, lasse mich inspirieren und nehme mir die Denkanstöße mit, die zu mir bzw. meiner Familie passen. Denn nicht alles, was dort gezeigt wird passt zu mir.

In den letzten Monaten erscheint es mir, dass viele von diesen Profilen extremer werden: In ihren Ansichten, ihren Einstellungen und auch ihren Ratschlägen. Denn oft werden sie, vor allem bei steigender Zahl, um Rat gefragt. Sie inspirieren nicht nur, sie werden Vorbilder, Orientierungspunkte, sind Leuchttürme für andere, die ihren Weg noch finden wollen. Vor allem aktuell, da AP immer populärer wird, wachsen viele Profile und dort tummeln sich immer mehr Ratsuchende. Es werden Fragen gestellt und beantwortet. Auch mir wurden und werden immer wieder Fragen gestellt: Zur Entwicklung, zur (nicht) Erziehung und alles was ich tun kann, ist mich einzufühlen und eine Möglichkeit aufzuzeigen. Ich betone dabei immer, dass es (M)eine Sicht ist. (M)eine Idee. (M)eine Variante. Nicht, weil ich Anspruch darauf erhebe (das wäre völliger Blödsinn, weil ich das Rad nicht neu erfinde). Sondern, weil ich in diesem Moment Verantwortung trage und auf einmal vom Blogger zum Berater werde. Eine öffentliche Frage ist für viele Menschen eine Chance sich auszutauschen, neue Impulse zu erhalten, zu reflektieren, neues Wissen zu generieren und auch zu sehen, wer denn auf meiner Wellenlänge ist. Nicht jede Antwort passt zu mir. Obwohl ich viele Menschen richtig toll finde, gehe ich nicht mit allen Sachen mit. Das muss ich auch nicht. Das geht anderen bei mir ja auch so: Manche Sachen von mir finden sie gut, andere nicht. Das musste ich für mich wieder lernen und dabei tat mir die berufliche Reflexion unglaublich gut. Denn hier sehe ich tagtäglich, dass nicht jeder so lebt und leben kann wie ich. Wir Menschen sind so verschieden, doch während das unter bedürfnisorientieren Befürwortern Kindern sehr oft zugestanden wird, werden die Eltern irgendwie nicht so betrachtet.

img_5471In dem Moment, wenn mich eine Frage erreicht, in dem ich mich wirklich geehrt fühle, öffnet sich mir jemand. Da traut sich jemand etwas und hat einen realen Bedarf an Hilfe. Dieser jemand ist nicht am gleichen Punkt wie ich. Er befindet sich auf seiner eigenen Reise. Wenn diese Reise von Bedürfnis- und Bindungsorientierung geprägt ist, kann ich nicht sofort sehen, WO er steht. Werde ich beratend tätig, bin ich jedoch verpflichtet entweder heraus zu finden wo er steht -und muss ihn dort abholen- oder darf nur von MIR sprechen. Ich glaube, ich bin in vielen Dingen schon sehr gefestigt und vertrete souverän meine Meinung. ABER nur weil ich von (m)einem Weg überzeugt bin, heißt das noch lange nicht, das er auf alle passt oder der einzig wahre ist. Wissenschaftliche Grundlagen hin oder her – viele wissen, dass Theorie und Praxis manchmal auseinander liegen, weil eben mehr wichtig ist, als das blanke Wissen.

Und das ist, was mir aktuell mehr und mehr aufstößt: Ich verfolge interessante Diskussionen und finde mich zwischen Dogmen, Vorwürfen und Extremansichten wieder, die für Einzelpersonen zutreffen mögen, aber eben nicht für alle. Es sind keine  wirklichen Beratungen für die Hilfesuchenden, sondern scheinen sogar manchmal (nicht nur) der Selbstdarstellung zu dienen. Da wird von einem selbst auf alle geschlossen. Teilweise in scharfem Ton wird dem gegenüber eine 08/15 Lösung entgegnet, ohne überhaupt zu wissen wer dort am anderen Ende sitzt, was derjenige leisten kann (und will) oder wie die Umstände sind. Noch öfter fällt mir auf, dass kritische Stimmen ignoriert, zurecht gewiesen oder gleich gelöscht werden. Wie schade! Manchmal scheint auch erwartet zu werden, dass zu allem „Ja und Amen“ gesagt wird – weil man ja wer ist.

Dazu möchte ich kurz von einem Fall aus meiner Arbeit berichten, denn auch eine junge Klientin hatte sich im Netz umgesehen und Rat gesucht. Es ging darum, sich Inseln im Alltag zu schaffen, die -aufgrund ihrer Geschichte, Persönlichkeit, Fähigkeiten und Kompetenzen (ihr merkt ich MUSS versuchen eine ganzheitliche Sicht zu bekommen, denn nur das ist fair und hilfreich)- nur ohne das Neugeborene möglich waren. Wie jetzt? Jemand der AP lebt und befürwortet, befürwortet, das Neugeborene aus Mamas Reichweite zu geben? Was ist mit der Bindung? Was ist mit dem Urvertrauen? Was wird da nicht alles zerstört? All das waren Ängste, die die junge Frau in sich trug und mit mir besprach. Man hatte sie verurteilt. Man hatte sie mit extremen Dogmen bombardiert, ohne sie zu kennen. Und am Ende stand da vor mir eine junge Frau, die weinte, alles richtig machen wollte und sich nicht so verhalten konnte, wie andere es für richtig hielten. Sie wussten nicht, dass diese Frau ALLES in ihrer Macht stehende tat.

Sie ignorierten in ihrer anonymen Belehrung, dass jeder Mensch eine eigene Geschichte, eigene Persönlichkeit, eigene Fähigkeiten, Kompetenzen, Möglichkeiten, Kräfte und Ressourcen hat. Sie ignorierten den konkreten Fall und erwarteten, dass sie so war, wie sie.

Sie wurde einfach schlecht beraten, im ganz wortwörtlichen Sinne. In meinem Empfinden wird es auf einigen Seiten immer extremer, dogmatischer und teilweise entstehen richtige Personenkults. (Natürlich gab es schon immer welche unter ihnen, die wissentlich polarisieren, um andere aufhorchen zu lassen.) Versteht mich nicht falsch – ich bin auch Fan vieler toller großer AP/unerzogen Blogger, aber teilweise hat es schon sektenähnlichen Charakter, da wird alles so gemacht wie XY, weil er/sie es eben so macht. Das ist doch gruselig und vor allem hilft es der einzelnen, hilfesuchenden Person nichts.

Meine krasseste Beobachtung dabei (neben der schlechten „Beratung“): die gleichwertige Einstellung gegenüber Kindern, die respektvolle Begegnung auf Augenhöhe scheint oft gegenüber Erwachsenen nicht mehr ganz so ernst genommen zu werden. Das ist dann schon unglaubwürdig bzw. hat einen faden Beigeschmack. Scheinbar scheint es einigen Vertretern nicht mehr um die Sache an sich (Sensibilisierung für bedürfnisorientierten Umgang mit unseren Kindern) zu gehen, sondern darum die einzige Wahrheit, die einzige Lösung zu kennen und zu verbreiten (oder auch einfach Recht zu haben). Ich habe bisher kaum erlebt, dass gesagt wurde: „Das weiß ich nicht.“ – nein zu jeder Frage gibt es natürlich DIE Antwort.

Ich finde diese Entwicklung jedoch nicht nur bedauerlich, weil so viele Menschen von AP, unerzogen und Co. vertrieben bzw. durch den teilweise harten Ton und die krassen Vorwürfe in eine Verteidigungsposition gedrängt werden, sondern auch gefährlich. Manche scheinen sich ihrer Verantwortung nicht bewusst zu sein. Bzw. Der Macht ihrer Aussagen. (Und ja, wieder andere scheinen die „Macht“ und ein Monopol an sich binden zu wollen.)

Bedauerlich ist es vor allem, wenn unsichere, sensible oder kritische Menschen verprellt werden. Ihnen wird suggeriert „du machst das ganz falsch/du kannst das nicht“, und anstatt sie dort abzuholen, wo sie sich befinden (wertschätzend, Ressourcenorientiert, im Rahmen ihrer Möglichkeiten!) wird ihnen ganz einfach Angst vermittelt. Angst zu versagen, etwas falsch zu machen, schlechte Eltern zu sein – der Druck steigt! Und dann fallen auf einmal wundervolle Profile weg, sensible Menschen ziehen sich zurück und wieder andere käuen einfach alles der anderen wieder.

Der Druck alles richtig zu machen, perfekt zu sein und sich ja keinen, auch nicht den allerkleinsten Fehler zu erlauben, weil sonst alles für immer zerstört ist. Dieses Bild wird vermittelt: (Bsp.:) Lasst euer Kind auch nur einmal schreien, und es wird für immer ein geschädigtes Bindungsverhalten haben. (Es werden Eltern dazu angehalten, über ihre eigenen Grenzen zu gehen, anstatt „stop, ich kann nicht mehr!“ Zu sagen, denn das sei nicht okay. Manchmal ist es aber notwendig beispielsweise den Raum mit einem schreienden Baby zu verlassen, bevor ein völlig verzweifelter und überforderter Vater das Kind zu schütteln beginnt. Oder schlimmeres tut.)

Dabei haben wir alle Grenzen. (Auch diese scheinbar idealisierten Ikonen!) Und wir haben ein Recht auf unsere Grenzen – genau wie unsere Kinder. Mich strengen diese Dogmen und Vorgehensweisen an, so dass ich mich kaum noch an derlei Diskussionen beteilige.

Und perfekt müssen wir schon mal gar nicht sein. In keinem Bereich unseres Lebens. Wir sind alle die Summe unserer eigenen Erfahrungen, Fähigkeiten, Möglichkeiten und Reflexion. Wir sind alle auf einer eigenen Reise. Wir haben ein Recht darauf als Individuen gesehen und so behandelt zu werden. Baukastenlösungen, Verunsicherungen, Verurteilungen, Dogmen – all das hilft Menschen in Not in diesem Bereich nicht weiter.

Natürlich finde ich es wundervoll, wenn mehr und mehr Menschen auf ihre Kinder ein- und zugehen. Ich versuche das jeden Tag auf meiner Arbeit zu vermitteln – aber ich hole meine Klienten dort ab, wo sie sind. Ich stärke sie, ich wertschätze sie. Denn dort sehe ich meine Verantwortung – am Bildschirm kann sie mitunter vergessen werden, ist aber nicht weniger wichtig.

Dies bezieht sich natürlich auf alle Elternblogger (nicht nur APler) – und die Verantwortung liegt nicht nur bei Ihnen, denn am Ende obliegt es dem Leser, ob er die Tipps annimmt und anwendet.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen oder Beobachtungen gemacht? (Egal in welchem Instagram/Blogger Bereich)

Herzlichst, Antonia

10 Kommentare zu „Zeig mir den Weg – AP Blogger und die Verantwortung

  1. Leider ja
    …… Je mehr Follower sie haben desto mächtiger fühlen sie sich…schlimm…. Vor allem dass sie ihrem Kind wertschätzend und gleichwertig begegnen wollen aber ihren Partner absolut nicht respektieren und (alles) Negatives an ihrem Partner rauslassen.. das ist für mich absolut unauthentisch…. und was ist mit dem Vorleben? Lernt ein Kind nicht durch vorleben Lernt ein Kind nicht durch vorleben??

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    1. Ich glaube auch mit mehr Followern steigt auch der Druck „abliefern“ zu müssen, aber ja: Der Einfluss steigt und auf einmal geht es auch um Zahlen, Geschäftspartner und Macht. 😦

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  2. Mich schreckt vor allem ab, dass es scheinbar doch nicht um #spreadthemessage geht. Es geht leider nicht darum, viele Menschen für einen bedürfnisorientierten Umgang zu sensibilisieren. Es geht darum, wer wie viel vom (Follower-)Kuchen (und den damit verbundenen Möglichkeiten) abbekommt. Das ist einfach so schade😟

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  3. Danke Danke Danke Danke!!!

    Als ich noch als Dozentin unterwegs war, habe ich zu dem Thema Verantwortung in der Beratung von Patienten/Eltern 2 ganze UNterrichtseinheiten gegeben, weil es mir so wichtig war, dass die Menschen mit ihrem Hintergrund, ihren individuellen Möglichkeiten, ihren vorhandenen Ressourcen gesehen werden!
    Danke, dass du das so ausführlich beleuchtest, kritisch hinterfragst und ganz klar einen Auftrag erteilst!
    ❤️Toni gut gemacht!

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  4. Wunderbarer Blogbeitrag! Schön, dass du das thematisiert hast! Ich bin bei einigen der Unerzogen-Profile stets hin und her gerissen, nicht mehr zu folgen. Mir gefällt der missionarische, besserwisserische, manchmal auch rechthaberische Ton nicht. Das stört mich besonders, weil die Grundlage von AP/unerzogen doch der Prozess des Umgangs ist und weniger der Inhalt der Message.

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    1. Vielen Dank für deine Worte Katja! Du hast so recht: Der Prozess, der Weg, die Reflexion – das sind die Ziele! Jeder entwickelt sich anders – aber das ist das Wertvolle! Wenn eine Entwicklung statt findet.

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  5. Jeannine von Miniand.me hat auf diesen Beitrag hingewiesen. Und mich so zu deinem Blog geführt. Danke dafür.

    Ich bin nur Leserin und mit der Geburt meines zweiten Kindes von meinem gewünschten Weg abgekommen.
    Ich arbeite an mir und doch gibt es immer wieder Situationen (viele Situationen) in denen ich nicht gut zu meinen Kindern bin. In denen ich leider überfordert bin.
    Ich folge ein paar Blogs und Instagram Profilen um mich immer wieder an meinen gewünschten Weg zu erinnern, mich inspirieren zu lassen, Lösungen zu finden.
    Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich, wieder einmal, ungerecht war oder mich sonst wie entgegen meinen eigentlichen Vorstellungen verhalte.
    Ich meide dann bestimmte Profile und Blogs weil ich mich dann beim Lesen verurteilt und unzulänglich fühle. Das ist das Letzte was ist ich dann gebrauchen kann.

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    1. Ich freue mich, dass du den Weg hier her gefunden hast!
      Ja wenn man sich selbst schon schlecht fühlt, braucht es nicht noch jemanden der nachtritt, sondern entweder jemanden der dich in deiner Not einfach SIEHT, ANNIMMT und gemeinsam nach Lösungen sucht, die für dich passt. Wir alle sind auf einem Weg – die einen sind ihrem persönlichen Ziel näher, die anderen brauchen noch etwas. Aber viele richten doch auch das Ziel neu aus, fahren Umleitungen oder, oder, oder… Erfahrungen können und müssen wir alle selbst sammeln. Ich wünsche dir alles Gute und freue mich, wenn du hier ab und zu vorbei schaust!

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