Unsere Eingewöhnung Teil 2: Tränen und Glück

Heute möchte ich euch weiter berichten, wie unsere Eingewöhnung gelaufen ist. Den ersten Teil findet ihr hier (klick). Ich möchte euch auch gar nicht weiter auf die Folter spannen:

Zwischen Herzrasen und Glück: Die erste Trennung

Nach der kurzen Eingewöhnungsauszeit warfen wir uns also wieder ins Getümmel. Die Situation in der Gruppe war mittlerweile entspannter, denn die anderen zwei Mäuse waren soweit, dass ihre Eltern den Raum verlassen konnten. Zwar kullerten ab und zu Tränchen, aber die ErzieherInnen konnten sie schnell trösten. Das war etwas, das ich mit Greta immer wieder verbalisierte: Siehst du? Die Kinder haben Kummer, aber die Erzieher sind sofort da und trösten! Trauer und (Abschieds-)Kummer sind völlig okay – auf beiden Seiten. Wichtig ist nur, dass sich den Kindern zugewandt wird.

Zu Beginn der zweiten Woche blieben wir wieder etwas kürzer und Greta beobachtete anfangs wieder mehr von meinem Schoß aus. Sie holte sich den notwendigen Körperkontakt und ich gab deutlich zu verstehen: Noch gehe ich nicht. Nach den ersten Minuten konnte sie sich schneller ins freie Spiel lösen und interagierte auch mit den ErzieherInnen. Ich zog mich zurück und sagte ihr auch: „Ich setze mich hier in den anderen Raum. Du kannst mich durch die (offene) Tür sehen.“ und setzte mich mit einem Buch zur Seite. Wir hatten die Möglichkeit für Blickkontakt, wenn sie es brauchte. Ich bat die ErzieherInnen uns beim Wickeln zu begleiten, damit wir diese intime Tätigkeit langsam übergeben konnten. Wir sprachen auch nochmal über die Grenzen unserer Tochter und diese wurden positiv angenommen. Beispielsweise wird Greta auch von den Erziehern immer gefragt, ob sie jetzt gewickelt werden kann. Es wird NICHT über ihren Kopf hinweg entschieden. Beim Essen wird alles angeboten, aber nichts erzwungen. Das ist mir besonders wichtig. Natürlich zieht die Gruppe sie mit: Sie sieht was die anderen Kinder tun und möchte mit machen.

Langsam wusste ich, dass es Zeit werden musste und konnte: Dieser Raum sollte für sie auch ohne mich bzw. uns als Eltern verknüpft sein. Die Kita musste ihr Raum werden, ohne uns. Damit sie es damit auch leichter hatte, erklärte ich übrigens von Anfang an, dass es in der Kita keine Milch geben würde. Das Stillen gibt es für uns erst zu Hause. Nicht, weil ich nicht in der „Öffentlichkeit“ stillen würde, aber damit sie es klar trennen kann: In der Kita gibt es keine Brust. Das sollte ihr auch später beim Schlafen helfen – so zu mindest mein Gedanke. Die erste Stunde indirekter Trennung war also geschafft. Sie kam immer mal rüber, schaute nach mir oder begann in eben diesem Raum zu spielen. Die ErzieherInnen bemühten sich und sie ließ sich auf sie ein. Mitte der Woche kam eine Erzieherin zu mir und fragte, ob wir es morgen mal probieren wollten. Greta war an diesem Tag fast gar nicht bei mir gewesen, dass ich sagte: „Wollen wir es jetzt probieren? Für zehn Minuten? So kurz und schmerzlos…für mich?“ Sie nickte. Ich ging zu Greta, die gerade beschäftigt war und sagte ihr, dass ich einen kurzen Termin hätte und gleich wieder käme. Sie schaute mich verwirrt an und wimmerte. Ich sagte ihr, dass ihre Erzieherin hier sei, die auch sofort neben ihr saß und auch nochmal sagte: „Mama geht kurz zu einem Termin und wir können hier weiter spielen.“. Ich drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und verließ flink den Raum. Greta dackelte kurz hinter mir her, stand an der (Milchglas-)Tür und ich ging in die kleine Küche, lugte um die Ecke und lauschte. Mein Puls beschleunigte sich spürbar und ich war von jetzt auf gleich fix und fertig. Aber ich sah sie nicht mehr an der Tür und hörte auch nichts. Erleichterung machte sich breit und ich telefonierte kurz. Nach etwas mehr als zehn Minuten kam ich zurück: Greta spielte vertieft in der Nähe ihrer Erzieherin, blickte auf, rief: „Mama!“ und kam strahlend in meine Arme. Puh – es war geschafft. Erleichterung und Glück machten sich in mir breit. Greta hatte sich schnell ablenken und zum Spiel bewegen lassen. Sie fragte wohl einmal, war aber zufrieden mit der Antwort, dass ich einen Termin hatte. Ich hatte übrigens bewusst das Wort Termin und nicht Arbeit gewählt, denn ich möchte mein Kind nicht anlügen. Wir gingen nach Hause und spielten wie jeden Tag noch eine Weile, bevor sie in den Schlaf fand.

In den folgenden Tagen wiederholten wir das: Wir kamen gemeinsam an, blieben solange an Gretas Seite, bis sie sich lösen und ins Spiel gehen konnte. Dann verabschiedeten wir uns kurz und Greta meisterte es jeden Tag. Bald schon nahm sie allein an Morgenkreis und Obstfrühstück teil – der Mittagsschlaf, meine größte Angst, rückten näher. Zu Hause schläft Greta nicht ohne mich ein. Sie braucht mittags wie abends die Brust und stillt lange: Mittags fast vollständig, nachts immer und immer wieder. Mein Mann kann sie nur zum Schlafen bringen, wenn er sie in der Trage hat und stundenlang draußen rum läuft. Das Einschlafen im Bett ohne mich hatte bis dato erst zwei Mal geklappt. Um ihr das Schlafen in der Kita schmackhafter zu machen, kauften wir ihr als exklusive Kita Bettwäsche ein Set mit ihrer geliebten Maus.

Der erste Mittagsschlaf – die ersten Tränen

Seit einer Woche aß sie nun auch Mittag mit und war drei Stunden am Tag dort. Mittlerweile war es so, dass sie bereits den Weg von der Garderobe zum Gruppenraum allein flitzte, den ErzieherInnen ihre Maus zur Begrüßung zeigte und mir mit einem: „Tschüüüüs“ winkte. Auch an diesem Morgen war es so. Ich übergab die Bettwäsche und sagte nochmals, dass ich angerufen werden wollte, falls sie sehr weinte und verabschiedete mich von ihr und erklärte, dass ich sie heute nach dem Schlafen abholen würde. Zu Hause bemerkte ich, dass ich vergessen hatte ihr Bettlaken mitzugeben. Während die Kinder beim Mittagessen waren, stahl ich mich also in die Kita. Da die Küche jedoch vom Flur einsehbar ist, ging ich zur Leiterin und bat sie, das Laken zu übergeben. Als sie wieder raus kam und sagte, dass Greta gerade essen würde, brachen bei mir alle Dämme. Ich stand vor ihr und weinte. Ich hatte riesige Angst, dass das nicht klappen und die bisherige traumhafte Eingewöhnung zu nichte machen würde. Waren wir zu schnell? Verlangten wir zu schnell zu viel? Die Leiterin hörte mich an und tröstete mich. Dann ging ich – zum Glück war mein Mann ebenfalls da und konnte mich auffangen. Wir hatten so lange auf Greta gewartet und lieben und behüten sie. Der Mittagsschlaf war bisher etwas ganz exklusives für mich und sie. Jetzt ist er auch etwas, das reibungslos in der Kita klappt. Sie fragte beim Hinlegen wohl nach Milch und ihr Erzieher erklärte ihr, dass sie die zu Hause bekäme. Sie schlief dann für sich ein, wollte keine Nähe und wirkte zufrieden.

Jetzt haben wir ein Kita Kind

Kita Eingewöhnung
„Tschüüüsiiii“

So wurde es uns erzählt, als wir an diesem Tag ein strahlendes, erfolgreich eingewöhntes Kind aus der Kita abholten. Sie wäre bisher das erste Kind, das nicht einmal während der Eingewöhnung geweint hat. Das erfüllt mich auf der einen Seite mit unbändiger Freude, Stolz und Glück. Es bestärkt mich, wie wir sie umsorgen: Wir geben ihr feste Wurzeln und lassen zeitgleich Raum, damit sie große, starke Schwingen entwickeln und ausbreiten kann. Wir sind da, wenn sie mal auf der Nase landet und lassen ihr dabei immer wieder die Möglichkeit auch Fehler zu machen. Wir haben ihr viel Zeit gelassen und viel erklärt. Der Zeitpunkt war für sie genau richtig, ich bin dankbar das wir ihr ein halbes Jahr mehr Zeit zum kognitiven Reifen gegeben haben. So konnte bzw. Kann sie sich viel besser verorten und verstehen, was wieso geschieht, kann ihre Grenzen deutlich machen und wir wissen einfach: Sie war soweit. Andere Kinder sind es früher, andere später, aber für unser Kind haben wir es so optimal es ging gestaltet. Das ist ein großer Luxus und Segen. Auf der anderen Seite macht es mich traurig, dass so viele Familien diese Möglichkeit nicht haben die Eingewöhnung so sanft zu gestalten. Dass dort Zeitdruck vom nahenden Wiedereinstieg, Ende der Elternzeit oder auch starren Vorgaben seitens der Einrichtungen herrschen. Ich wünsche allen Kindern, Eltern und am Ende auch den Erziehern von Herzen, dass sie sich gemeinsam auf eine individuelle Eingewöhnung einlassen können, so dass sie sanft und so stressfrei wie möglich ablaufen kann. Denn dabei gewinnen alle und fühlen sich alle wohl.

Mittlerweile gab es auch schon die ersten Tränchen in der Kita – doch diese konnten von den ErzieherInnen schnell getrocknet werden. Wenn wir Greta bringen, braucht sie an manchen Tagen etwas, um sich von uns zu lösen und an anderen winkt sie uns schon am Zaun. Sie erzählt viel von ihren ErzieherInnen und fühlt sich wohl – und wir uns auch. Wir haben unseren Clan erweitert und sind dankbar für diese wundervollen Menschen, die Greta respektieren und liebevoll mit ihr umgehen. Sie ist nun jeden Tag bis zum Vesper in der Kita – wenn wir frei haben, genießen wir die Zeit für uns, mit den Hunden oder für Termine/Verpflichtungen, die wir ohne Kind stressfreier erledigen können. Bisher hatte ich einen Vormittag nur für mich, ohne Haushalt, Terminen und Kranksein, das habe ich sehr genossen und konnte meine Reserven auffüllen. Was ich mir VOR der Eingewöhnung nicht vorstellen konnte, genieße ich noch so lange, bis auch ich täglich arbeiten gehen werde.

Möchtet ihr von eurer Eingewöhnung berichten? Habt ihr Fragen? Dann schreibt es in die Kommentare!

Im nächsten Post fasse ich euch nochmal meine Tipps für die Eingewöhnung zusammen.

Herzlichst, Antonia


Interessante fachliche Links findet ihr hier:

„DER ERSTE WELTENWECHSEL“ – SO WIRD AUS DER EINGEWÖHNUNG EIN ERFOLG! DR. JOACHIM BENSEL AUF DEM ATTACHMENT PARENTING KONGRESS 2016

Frühe Fremdbetreuung: Übergänge in Betreuungseinrichtungen

Bedürfnisorientierte Eingewöhnung


Bis dahin findet ihr hier die Reihe und spannende Gastbeiträge zum Thema Fremdbetreuung:

Teil 1: Fremdbetreuung und Bindungstheorie

Teil 2: Bindung in der Betreuung

Teil 3: Erfahrungsberichte Fremdbetreuung

GB Kita: Von „Hin und weg“ zu hin…und weg!

GB Fremdbetreuung – Missbrauchtes Vertrauen

GB Fremdbetreuung „Du hast’s gut-du hast schon Feierabend!“

 

Ein Kommentar zu „Unsere Eingewöhnung Teil 2: Tränen und Glück

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