Unsere Eingewöhnung – Wenn das Kind ein Privatleben hat

Hallo ihr Lieben – ich bin zurück. Zurück auf meinen sozialen Kanälen und hier auf dem Blog. Die vergangenen Wochen haben meine ganze Aufmerksamkeit gefordert, denn die Eingewöhnung in die Kindertagesstätte stand an. (Dies war nur ein Faktor für den Digital Detox) Unsere Tochter ist nun ein Krippenkind und hat einen großen Meilenstein in ihrer Entwicklung genommen. Nein – eigentlich haben wir diesen Meilenstein gemeinsam genommen. (Achtung: Es wird wieder mehrere Teile geben.)

Wer wurde denn nun eingewöhnt?

Nicht nur unsere Tochter wurde bzw. hat sich eingewöhnt, nein auch wir als Eltern und die Erzieher wurden bzw. haben sich aneinander gewöhnt, vor allem aber haben sich drei Einheiten miteinander vertraut gemacht. Denn darum geht es in der Eingewöhnung: Vertrauen und Bindung soll zwischen Kind, Eltern und pädagogischen Fachpersonal aufgebaut werden. Denn fühlt sich das Kind bei einer Person sicher, kann es sich mit all seinen Gefühlen an sie wenden, wird aufgefangen und angenommen, dann ist es egal ob dies im Gruppenraum, dem Kinder-Café, dem Garten oder auf einem gemeinsamen Ausflug geschieht. Menschen und Beziehungen zueinander füllen Räume und Orte aus. Ein Raum kann noch so liebevoll und muckelig gestaltet sein: Dies nützt nichts, wenn einem Kind gegenüber kalt, emotions- oder respektlos gegenüber getreten wird. Es ist ebenso egal, welche Bildungsangebote in den Einrichtungen vorhanden sind: Nur ein sicheres Kind, eines das sich fallen lassen und es selbst sein kann, kann zu 100 % davon profitieren, in seinem Tun versinken und sich bilden. Das ich vom Leitsatz „Bindung vor Bildung“ überzeugt bin, wissen meine LeserInnen spätestens seit meiner kleinen Reihe zum Thema Fremdbetreuung (klick), die ich euch hiermit nochmal ans Herz legen möchte.

Und wenn es vier Wochen bis zur ersten Trennung dauert!

Herzlich Willkommen Greta | Foto: privat

Nun möchte ich zu unserem Ablauf kommen. Wir haben vor der eigentlichen Eingewöhnung an zwei Krabbeltreffs in der Kita teilgenommen und konnten hier die zukünftigen Erzieher, andere Familien und Räumlichkeiten ein wenig kennen lernen. Greta ist ein offenes, neugieriges Mädchen. Solange sie weiß, dass ihr sicheres Basislager (in diesem Falle ich), in der Nähe ist, kann sie alle Gipfel um sich herum erstürmen. Sie erobert Räume, Weiten und Herzen. Sie tritt in Kontakt und vertieft sich in Beschäftigungen. Immer wieder bekam ich zu hören: „Na da wird sie ohne Sie ja keine Probleme haben.“ und jedes mal erklärte ich ruhig, dass sie all dies vor allem kann, da sie weiß, dass ich da bin. Oder der Papa, die Oma oder Tante da ist. Mit diesem Gefühl der Sicherheit, das sie auch mehr und mehr in sich findet, kann sie die Welt entdecken. Ich sagte: „Ja, sobald sie sich hier an jemanden gebunden und Vertrauen aufgebaut hat, wird sie das weiterhin können. Ich bleibe solange, bis dies der Fall ist.“ Da blitzte kurz ein Stutzen in den Augen der Pädagogen um mich herum auf. Jedoch meinte ich es so ernst, wie ich es sagte: Wir würden an Greta’s Seite bleiben, bis sie sicher genug wäre es ohne uns zu schaffen. Und wenn es vier Wochen bis zur ersten Trennung dauern würde! Ich wollte unmissverständlich klar machen, was mir am wichtigsten war und ist: Mein Kind soll sich wohl fühlen und gerne in den Kindergarten gehen. Es soll dort die Möglichkeit haben sich auf andere Menschen einzulassen und neue Beziehungen einzugehen.

Ich bin mir bewusst, dass wir dadurch in einer sehr privilegierten Position waren: Durch meine Arbeitszeiten (Hier lest ihr, wie ich plötzlich zur Working Mom wurde) und den Schichtdienst meines Mannes war es uns möglich die Eingewöhnung zeitlich nicht zu begrenzen. Dies bedeutet jedoch auch, dass wir uns tageweise eingeteilt haben: Mal übernahm er, mal übernahm ich. Für unsere Tochter war dies kein Problem und so gewöhnte sie sich auch daran, dass sowohl Mama als auch Papa sie in die Kita bringen. 

Es geht los

Dann war der Tag der Tage da: Die Eingewöhnung startete. Greta wurde herzlich begrüßt und empfangen. Doch nicht nur wir waren eingeplant, sondern auch zwei andere Kinder (sie starteten bereits eine Woche vorher). Mir taten im ersten Moment die zwei Erzieher und im nächsten die anwesenden Kinder leid, die das gemeinsam zu stemmen hatten. In den ersten Tagen blieben alle Eltern mit im Raum und wir waren stundenweise in der Kita. Anfangs eine Stunde, dann anderthalb und am Ende zwei Stunden: immer gemeinsam. Anfangs blieb Greta ganz nah bei uns und beobachtete das Geschehen, vor allem die weinenden Kinder. Wir erklärten was wir sahen, was dort gefühlt und wie getröstet wurde. Sobald sie nach einiger Zeit ins spiel kam, zogen mein Mann und ich uns während der Zeit dort unauffällig zurück. Wenn sie aktiv auf uns zukam, animierten wir sie sich zu den ErzieherInnen zu gesellen. Dies klappte vor allem dann gut, als die beiden anderen Kinder ihren Trennungsschmerz überwunden hatten und endlich mehr Kinder als Erwachsene im Raum waren. Die ersten Tage waren  anstrengend: Es war laut, wuselig, nichts aufeinander eingespielt und alle waren füreinander Fremde. Hinzu kommt, dass in unserer Einrichtung keine festen Bezugspersonen im Vorfeld festgelegt werden. Die PortFolio Zuständigkeiten (Dokumentation Entwicklung, Führen der Elterngespräche) werden erst entschieden, wenn die Kinder zeigen, wen sie besonders gern mögen. Das hat Vor- und Nachteile und ich kannte es so bisher gar nicht, was mich verunsicherte. Ich hätte mir für den Anfang gewünscht, dass eine Person ausschließlich für Greta zuständig gewesen wäre. Doch so wurden zwei Erzieher von drei Eingewöhnungskindern gebraucht – und die restlichen Kinder der Gruppe waren ja auch noch da. War ich nach dem ersten Tag mit der herzlichen Begrüßung noch guter Dinge, dachte ich nach dem dritten Tag „Das kann doch nicht so weiter gehen!“, da so viele Kinder auf einmal Zuwendung brauchten und es zeitlich wirklich nicht optimal organisiert war. Ich wollte sogar schon hinwerfen, weil ich das Gefühl hatte, das für uns niemand direkt Zeit hatte.

Nach der ersten Woche kam es, wie es

Los geht‘s! | Foto: privat

kommen musste: Unsere Tochter war krank und wir fielen eine Woche aus. (Diese sollte dann im Übrigen dann zeitlich versetzt gestaltet werden, um den Stress zu minimieren, was ich echt gut fand! Die ErzieherInnen hatten aktiv nach Lösungen gesucht und mit uns Eltern besprochen.) Im Nachhinein betrachtet war das für uns gut, denn als wir wieder kamen, waren die anderen beiden Mäuse weiter und es wirkte insgesamt eingespielter und entspannter. Greta benötigte weiterhin viel Körperkontakt und Kuscheln, bevor sie sich von uns lösen und zum Spielen übergehen konnte. Jedoch hatte sie auch die Woche in der sie krank war immer wieder von den Erziehern, der Musik im Morgenkreis und dem Obstfrühstück gesprochen. Ganz begeistert erzählte sie immer wieder, dass dort jemand lustig war, einen Apfel gereicht und Musik gemacht hatte. Sie erzählte von diesen positiven Erlebnissen, das stärkte uns dran zu bleiben. Am Anfang unserer zweiten Woche kam eine Erzieherin auf uns zu und fragte, wie lange ich denn bleiben könnte und wieder sagte ich ihr, dass ich so lange bleiben würde, wie es mein Kind braucht. Sie schien nicht glücklich damit, was ich auch  aufgrund meiner eigenen beruflichen Erfahrung verstehen kann. Fremde Erwachsene stören manchmal die Gruppendynamik und den gewohnten Ablauf. Man hat natürlich nichts zu verstecken, und trotzdem ist es anders, als wenn man mit der Gruppe und dem Team allein ist. Ich sagte ihr das alles auch genau so, jedoch ebenso, dass ich hier jetzt als Mutter und nicht Pädagogin bin. Auch wenn ich diese Felder nie wieder voneinander trennen können werde. Während Greta spielte, sagte ich ebenfalls zu ihr: „Bitte spiegeln Sie mir, wenn ich wirklich gehen kann. Nicht wenn Sie es meinen – oder ich, sondern wenn mein Kind bereit ist. Ich sehe mein Kind anders als sie.“

Das hatte ich auch meinem Mann eingeimpft: Lass dich nicht rausschicken, bevor DU denkst, dass Greta das packt. Ich bin bisher selten in meinem Leben so sicher und bestimmt aufgetreten wie in diesen Momenten, wenn es um meine Tochter geht. Denn ich bin die Expertin für mein Kind. Ich kenne sie am besten und längsten und ich hatte unglaubliche Angst, das auch nur eine schlechte Trennung unsere Bindungsqualität ruinieren oder ihre Bindungsfähigkeit sogar zerstören könnte. Wenn ich eines bei der Eingewöhnung über mich gelernt habe, dann dass ich in den Wochen davor ZU perfektionistisch und absolutistisch war. Mein Kind wird keinesfalls seine tiefen, starken Wurzeln verlieren, wenn sie einmal weint. Mein Kind darf Trennungsschmerz erleben und vor allem darf sie die Chance haben diesen mit jemand anderen (vertrauten) zu überwinden und so wichtige Kompetenzen zu entwickeln. Unsere Bindung ist weiterhin tief und innig, auch wenn sie vor dem dritten Lebensjahr außerhalb der Familie betreut wird. Denn die Kita kann genauso zum Clan gehören, wie Freunde oder Verwandte. Erzieher können enge Vertraute und geliebte Menschen werden, die Familien stärken, Vereinbarkeit ermöglichen und vor allem können Kinder hier neue Beziehungen aufbauen, die eben ganz anders sind, als die zu den Eltern. Was mir früher Sorgen bereitet hat, sehe ich mittlerweile als wertvoll an! Vor allem weil Greta seit der ersten Woche immer glücklich von „Martha Apfel esst“ erzählt hat (er junge Mann heißt zwar nicht so? Aber sie darf ihn so nennen ;-)).

Wie die erste Trennung nun gelaufen ist, schreibe ich an einem anderen Tag…


Bis dahin findet ihr hier die Reihe und spannende Gastbeiträge zum Thema Fremdbetreuung:

Teil 1: Fremdbetreuung und Bindungstheorie

Teil 2: Bindung in der Betreuung

Teil 3: Erfahrungsberichte Fremdbetreuung

GB Kita: Von „Hin und weg“ zu hin…und weg!

GB Fremdbetreuung – Missbrauchtes Vertrauen

GB Fremdbetreuung „Du hast’s gut-du hast schon Feierabend!“

7 Kommentare zu „Unsere Eingewöhnung – Wenn das Kind ein Privatleben hat

    1. Hallo! Ja das Berliner Modell sieht 4 Wochen eingewöhnung vor. Es gibt auch Regionen, Städte oder Einrichtungen in Deutschland, in denen noch keine Modelle /Konzepte zur eingewöhnung erarbeitet sind. Manchmal ist gar keine Eingewöhnung vorgesehen. Es ist sehr unterschiedlich, wie damit umgegangen wird. Hier sind ca. zwei Wochen die Norm.

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  1. Ich war fast 6 Wochen in der Kita mit dabei…dank peraonalmangel und ständigem betreuerwechsel war es für Hannah nicht einfach am Anfang und dann kamen die ersten Infekte dazwischen🙈

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    1. Oh ja Infekte sind schon schlimm genug – aber zusätzlich Personalwechsel ist ja echt viel. Toll dass du die 6 Wochen realisieren konntest! (Ich hab dir beim anderen Kommentar vorhin endlich geantwortet 🙈)

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