Was Attachment Parenting für mich bedeutet 

Durch das Netz geistert ein Artikel, zu dem ich mich jetzt durch fix vom Sofa aus äußern möchte. Es ist ein Artikel, der eine große Reichweite hat und eine Kernaussage: Attachment Paterenting (AP) führe unweigerlich zum Burn-Out, zu völliger Erschöpfung und -um auf den Zug von Bueb und Winterhof aufzuspringen- brächte kleine Tyrannen hervor. Diesem schließen sich nun einige an. Viele BloggerInnen „schimpfen“ ebenso und scheinen alle eines gemeinsam zu haben:

Es werden harte Worte genutzt und Dinge beschrieben, die – meiner Meinung nach- davon zeugen, dass AP NICHT verstanden wurde. Das sich hier in persönlichen Perfektionismus verrannt wurde, der natürlich dazu führt irgendwo zu versagen. Denn niemand ist perfekt. Oder das ein Schuldiger gesucht wird. Mich die Person selbst ist für ihr Handeln und ihre Selbstfürsorge verantwortlich, sondern ein vermeintlich dogmatischer Erziehungsstil, der nur genutzt würde, um besser als der andere zu sein. Aber man selbst als Person natürlich nicht. Ach ne, doch, denn man hat es sich ja ausgesucht. Oder wie?

Ein kleiner Überblick

Attachment Parenting bedeutet besürfnisorientierte Elternschaft. Es bedeutet NICHT sich als Eltern aufzugeben. Es bedeutet nicht, dass ein einzelnes Familienmitglied -egal welchen Alters- den Ton angibt und alle anderen auf Gedeih und Verderben mitziehen müssen. AP bedeutet auf die Bedürfnisse aller Familienmitglieder zu achten und zu versuchen allen so gerecht zu werden, dass niemand ungehört bleibt. Denn war es vor einigen Generationen noch üblich, dass Kinder nichts zu melden haben und funktionieren müssen, weiß man heute -dank der Arbeit der Wissenschaft (Hirnforschung, Psychologie, Pädagogik) – wie Kinder sich entwickeln, was sie leisten können, was sie wirklich müssen und vor allem wird mehr und mehr von alten starren Mustern und Empfehlungen aus der Zeit der schwarzen Pädagogik Abstand genommen. Heutzutage weiß man immer mehr, was wirklich wichtig ist, um eigenständige, selbstbewusste und zugleich empathische Menschen wachsen zu lassen, die nicht mit Ende 20 zusammen brechen oder an einer Vielzahl psychischer Krankheiten leiden. Zum Glück. Heute wissen wir, dass Kinder beispielsweise bis zu einem Alter von ca 4 Jahren noch gar nicht über alle kognitiven Fähigkeiten verfügen, um zu verstehen, dass es Mama weh tut, wenn sie einen Baustein gegen den Kopf geworfen bekommt. Heute wissen wir, dass Menschen grundlegende Besdürfnisse haben, deren Erfüllung vor allem im Säuglings- und Kleinkindalter wichtig ist, damit Resilienz und Empathievermögen entstehen kann. Vor allem wissen wir, dass es einen Unterschied zwischen Bedürfnissen und Wünschen gibt. Das gute Manieren durch Vorleben und Nachahmung „von allein“ kommen, nicht durch erhobene Zeigefinger und Aufforderungen von außen. Wir wissen, das Bildung von Begeisterung und Interesse von innen heraus kommt, und nicht aufgedrückt oder eingeflößt werden kann.  (Es können Angebote geschaffen werden. Aber ob und wie es angenommen wird, geht von Individuum aus). Heute wissen wir, dass Kinder nicht genormt werden können, jedes Kind eine eigene Entwicklung hat. Es können also nicht alle Kinder mit zwei Jahren fähig sein, allein auf Toilette zu gehen. Wir wissen, dass niemand durch die Erfüllung vonBedürfnissen verdorben oder verzogen wird. Wir wissen, dass durch Nähe, Liebe und Zugewandheit niemand verzogen oder verwöhnt werden kann. (Abgesehen davon, dass es doch eigentlich Freude bereitet, einen geliebten Menschen zu verwöhnen.) wir wissen, wie Lernen funktioniert, dass Bestrafen so gut wie sinnlos ist. 

All dieses Wissen ist wertvoll und verdammt gut. Gut für unsere Kinder im Hier und Jetzt und vor allem für deren Zukunft. Und gut für uns, weil wir mit diesem Wissen uns eigentlich entspannen könnten. Eigentlich könnten wir unseren Kindern (und uns) Zeit lassen: Müssten uns auf keinen Wettbewerb einlassen, welches Kind beispielsweise wann durch- und im eigenen Zimmer schläft. Wieso? Weil es allein eine Sache der Entwicklung des Kindes ist. (Das Gehirn muss entsprechend entwickelt sein, um nicht ständig aufzuwachen. Emotional muss das Kind soweit sein allein schlafen zu können.)

Wir könnten auf unsere Kinder hören – sie sind kompetent. Vor allem kompetent was ihren eigenen Körper betrifft. Sie sind gut so wie sie sind. Jedes für sich. Und keines von ihnen will sich der Gesellschaft entziehen, sondern einmal ein wertvoller Teil eben dieser sein. Das ist -wie wir wissen- tief in uns verankert. Dagegen können wir uns nicht erwehren. 

Wir könnten aufhören uns darüber zu streiten, wer die beste Mutter oder der beste Vater ist und wieso. Wir könnten aufhören kurze Ausschnitte aus den Leben anderer -egal ob virtuell oder vor der Nasenspitze- zu be- und verurteilen. 

Das ist ein großer Teil des AP für mich:  Kindern zu vertrauen und sie zu befähigen. Sie als kompetent, gut und richtig wahr- und anzunehmen. Sie müssen Gelegenheiten haben zu wachsen, aus sich heraus und ihren eigenen Interessen nachzugehen. Sie müssen nein sagen dürfen und ihre Gefühle spüren und ausleben, um mit ihnen umgehen zu lernen.

Für mich bedeutet AP mich immer mehr mit der Entwicklung meines Kindes auseinander zu setzen, um so nicht über ihre Kompetenzen zu gehen (zB nicht zu verlangen dass sie soziale Regeln befolgt, da sie es einfach noch nicht kann) aber auch sie nicht zu untergraben und ihr Dinge zuzutrauen (zB bestimmt sie, wann sie schlafen geht. Sie kennt ihren Körper nunmal am besten). 

AP bedeutet für mich eben auch nach Dringlichkeit und Geduldsfähigkeit Bedürfnisse zu erfüllen. Das heißt: als mein Kind noch ein Säugling war, waren ihre Bedürfnisse immer und an erster Stelle zu erfüllen. Wieso? Weil sich ein Baby nicht gedulden kann. Es ist schlichtweg nicht in der Lage dazu. Mit zunehmenden Alter „trainiert“ sie diese Fähigkeit und unsere Tochter muss auch mal (im Rahmen ihrer Fähigkeiten und das heißt auch nicht immer) warten. Doch genau so nehme ich auch die Bedürfnisse der anderen wahr: Die der Hunde, meines Mannes und natürlich auch meine! 

AP bedeutet auch sehr viel Selbstfürsorge und Biografiearbeit. Hier sind die Übergänge zu Unerzogen für mich fliesend: Dadurch, dass das eigene Verhalten kritisch reflektiert wird („ey, wieso verlange ich eigentlich von ihr, dass sie sich so verhält?“ „Ist das jetzt mein Wunsch oder etwas übernommenes?“), stehe ich quasi oft in Kontakt mit meiner eigenen Kindheit. Das habe ich euch hier (Klick) bereits einmal geschildert. Das ist für mich und mein Kind wertvoll. 

AP bedeutet für uns vor allem auch, dass wir in unserer Familie leben, wie es UNS gut geht. Wir alle genießen unser Familienbett. Niemand musste aus dem Bett ausziehen – das hätte für uns vielleicht nicht funktioniert. Aber unser gemeinsames Familienbett (mehr dazu hier) ist für uns ein Segen.

Das Langzeitstillen ist für mich eine natürliche Selbstverständlichkeit. Ich habe es so vorgelebt bekommen und meine Tochter und ich genießen die gemeinsame Stillbeziehung sehr. 

AP bedeutet für mich aber nicht, das jemand stillen muss. Oder ein Familienbett haben muss. Oder tragen muss. Wir haben das Tragen sehr genossen! Aber auch unseren Kinderwagen haben wir sehr gerne genutzt. Trotzdem stand er lange ungenutzt da, weil unser Kind ihn  ablehnte. 

AP ist für mich keine starre Liste, die abgearbeitet werden muss. (auch wenn es die 7 Bs gibt, die vor allem für viel körperliche Nähe plädieren) aber nicht alle Familien funktionieren gleich, bei AP sind nicht alle automatisch gleichgeschaltet! Viele APler beispielsweise lehnen Impfen ab – wir nicht. Unser Kind ist „durchgeimpft“. Ebenso benutzen wir Einmalwindeln. Und das unser Kind keinen Brei gegen ihren Willen gestopft bekommt, hat für mich nichts mit Erziehungsdogmen, sondern Menschenwürde zu tun. Natürlich bestimmt mein Kind über seinen Körper. (Ok außer beim impfen – das ist für uns eine notwendige medizinische Versorgung, wie beispielsweise die Behandlung imKrankenhaus, die sie noch nicht überblicken und entscheiden kann.) 

AP bedeutet für uns eine Reise zu uns selbst: Was brauchen wir wirklich? Was wollen wir? Wohin wollen wir? Wie können wir das erreichen, dass alle gut dabei mitkommen? 

Es ist die Haltung, die besagt: Liebe. Das Zauberwort heißt Liebe. Egal ob zu deinem Kind oder dir selbst. Egal ob zu deinem Partner, Haustieren oder wer auch immer noch zu deiner Familie gehört. AP ist ein Weg, um mit unseren Kindern in Beziehung auf Augenhöhe zu treten. Kinder als das zu sehen was sie sind:Vollwertige Menschen mit Bedürfnissen, Wünschen und auch Rechten. Es ist unser Weg. Der übrigens erst später einen Namen bekommen hat. Es ist nämlich kein neuer Trend, sondern auch zum Großteil das, was wir Menschen seit Jahrhunderten leben, weil wir evolutionsbiologisch so konstruiert sind. Und es heißt Verantwortung zu übernehmen – eben und nicht zuletzt für sich selbst. Denn wenn es uns nicht gut geht, können wir uns nicht gut um unsere Kinder kümmern. Und das wollen wir doch alle, stimmts? 

In diesem Sinne, herzlichst Antonia 

Zum Weiterlesen und Vertiefen lege ich euch noch folgende Blogs/Profile wiederholt ans Herz (wer noch tolle Empfehlungen -vielleicht auch mit konkreten Links- hat, darf sie gerne als Kommentar ergänzen!):

Das Gewünschteste Wunschkind (Bitte bitte lest das Buch! )

Geborgen wachsen
Mini and Me
Piepmadame
Sara Kulkas Instagramprofil
Bin dann mal Mama
Vivienne and Sunshine
Free Family Rocks

Ein Kommentar zu „Was Attachment Parenting für mich bedeutet 

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