„Es ist doch gar nichts passiert!“ – Wirklich?!

Wenn ich lache, und es lacht niemand mit mir. Dann komme ich mir schon ein wenig doof vor – noch blöder, wenn ich doof angeguckt werde. Vielleicht wird gefragt „was gibt es da zu lachen?!“ Und schön macht sich ein schlechtes Gefühl breit. Wenn ich jedoch weine und niemand schenkt meiner Emotion Beachtung, dann fühlt es sich richtig beschissen an. Mittlerweile weine ich seltener, wenn ich mich irgendwo stoße oder mich verletze. Trotzdem tut es auch mit 28 noch gut, wenn jemand fragt „oh ist alles ok? Brauchst du ein Pflaster?“ Oder auch nur „boah der Schrank ist aber echt blöd“ #schrankmobbing
Und trotzdem: Bei mir müsste es niemand machen. Denn ich kann meine Verletzungen (meistens) überschauen. Ich weiß, wann ich medizinische Hilfe brauche, wann es nur ein blauer Fleck wird und vor allem, wann etwas bedrohlich ist. Ich kann auch selbst entscheiden, was zu tun ist und vor allem: Ich werde ernst genommen. Für mich persönlich gibt es auch kaum etwas schlimmeres, als das Gefühl, nicht gesehen, nicht ernst genommen zu werden. Wieso das so ist, könnt ihr euch hier und hier ableiten.

Wenn sich jedoch ein Kind verletzt, das sich mitten in seiner Entwicklung befindet, dass sich selbst, seinen Körper und seine Umwelt erst noch kennenlernt und vor allem völlig abhängig ist, dann höre ich immer wieder „Es ist doch gar nichts passiert“. Bis vor ein paar Jahren habe ich das auch gesagt – um zu trösten. Ich wollte trösten und das Kind ablenken. Aber das ist falsch. Fällt ein Kind, stößt es sich den Kopf oder erschreckt es sich – dann passieren diese Dinge. Sie sind wirklich und wahrhaftig geschehen. Wir beobachten Sie doch sogar oft dabei.

Unsere Tochter hört von uns diesen Satz nicht. Er ist schlichtweg gestrichen. Wenn sie hinfällt, warte ich (je nach genauem Geschehen) und gebe ihr die Zeit zu entscheiden: Braucht sie Trost oder schafft sie es von allein? Braucht sie nur ein „Ich sehe, dass du hingefallen bist. Ganz allein bist du wieder aufgestanden!“ oder „uiuiui da hast du dich aber geschickt abgefangen.“ Sobald sie jedoch weint oder erschreckt guckt (oder ich abschätzen kann, dass sie mich braucht), gehe ich auch sofort zu ihr, biete meine offenen Arme an und sage „Du bist gestürzt. Tut es dir weh?“ Je nach Grund pfeffere ich manchmal ein „dieser Schrank aber auch!“ Hinterher. Aber: Ich nehme sie ernst. Ich spreche ihr weder ihr Empfinden, noch ihre Wahrnehmung oder ihre Emotionen ab. Wie könnte ich mir auch so etwas anmaßen? Ich persönlich bin ein sehr emotionaler Mensch. Meine Schwester beispielsweise kann oft nicht nachvollziehen, wieso ich weine oder ergriffen bin. Das muss sie auch nicht. Denn es sind meine Emotionen – sie sind wahr, sie sind real und ich habe ein Recht auf sie. Und ich will kein „Es ist doch gar nichts!“ hören, sondern ein Taschentuch gereicht bekommen oder wenigstens meine Ruhe. Und vor allem will ich nicht eingeredet bekommen, dass doch alles gut sei, wenn es das für mich gefühlt nicht ist. Und das will ich ebenso für meine Tochter.
Vor ein paar Tagen ist sie gestürzt und hat sich das Knie aufgeschlagen. Sie kommt mehrfach am Tag zu uns, zeigt es uns, pustet selbst darauf und streckt uns nacheinander beide Beine hin – dabei pustet sie ebenfalls Wir pusten und geben ein Küsschen darauf. Selbstverständlich auf beide Beine. In diesen Momenten sehen wir sie. Wir sehen, dass sie noch daran denkt oder ihr auch nur das Knie so auffällt. Auf jeden Fall ignorieren wir es nicht – weder in der konkreten Situation, noch danach. Wir zeigen ihr, dass ihre Gefühle ernst genommen werden, dass sie diese zeigen kann, weil wir versuchen so gut es geht darauf zu reagieren. Und wenn sich jemand anderes etwas tut, eilt sie auch zu demjenigen, pustet und imitiert unser Verhalten. Natürlich ist es aktuell wirklich nur eine Imitation, kein Einfühlen. Dazu ist sie nicht nicht in der Lage. Aber wir geben ihr die Möglichkeit wahre Empathie zu sehen und zu spüren.

Auch auf Ablenkungen versuche ich zu verzichten (ausser in Situationen, in denen sie sich kaum beruhigen kann oder sich nicht reinsteigern soll – z.B. beim Impfen). Auch negative Emotionen wollen gefühlt werden. Sie gehören zu unserem Spektrum an Gefühlen und Erfahrungen dazu, und sie soll auch hier Lösungsstrategien entwickeln können, um später auch allein mit negativen Gefühlen umgehen zu können.

trostIch wünsche mir für sie, dass sie sich immer ernst genommen und nie mit ihren Emotionen allein gelassen fühlt – egal ob sie von anderen nachvollzogen werden können, oder nicht. Und natürlich soll sie auf ihre Wahrnehmung vertrauen können und auf uns, wenn sie uns diese mitteilt.

Wie ist es bei euch? Mir fiel es anfangs etwas schwer, diesen Satz noch im Sprechen aufzuhalten, mittlerweile verzichten wir wirklich komplett. Und das tut wirklich gut!

Herzlichst, Antonia

Um hier aus dem Echo der eigenen Kindheit und Vergangenheit besser auszubrechen, kann ich euch hier wieder wärmstens das Buch ans Herz legen.  – Werbelink)

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Ein Kommentar zu „„Es ist doch gar nichts passiert!“ – Wirklich?!

  1. Wir machen es genauso: wenn unser Kind hinfällt oder sich weh tut, warten wir mal ab, oft schaut es schlimmer aus als es ist und das Kind steht einfach auf und spielt weiter als wäre nichts passiert. Wenn es aber anfängt zu jammern, weinen, uns zu rufen oder mit blicke zu suchen, nehmen wir es und trösten. Meist sagen wir dinge wie „bist du da geatolpert und aufs knie gefallen? Wo tut es denn weh? Zeig mal her, hast du einen kratzer/wunde/blauen fleck etc“
    Auch geben wir bussi und pusten drauf, unser kind macht das mitllerweile auch bei uns, wenn wir uns verletzen 😊
    Sätze wie „ist nicht schlimm, das tut doch gar nicht weh, ist schon wieder gut“ finde ich nicht gut. Außerdem tut so eine verletzung oft wirklich richtig weh, was wir erwachsenen gar nicht so nachvollziehen können, weil es uns selbst womöglich schon längere zeit nicht passiert ist!
    Alles liebe cao

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