GB Kinderwunsch: Eine männliche Perspektive (Mr. Kiwu Journey erzählt)

Erinnert ihr euch an diesen bewegenden Artikel von Kiwu.Journey ? Sie berichtete von ihrem jahrelangen Kampf. Doch wie ging es ihrem Mann dabei? Mr. Kiwu.Journey hat euch diese Zeilen dazu geschrieben: Einen Appell an alle Männer, auf ihre Frauen und auch auf sich selbst zu schauen und an alle, dass ein Kinderwunsch Team aus Frau UND Mann besteht, und beide Unterstützung brauchen. Vielen Dank für diesen bewegenden Beitrag! Ich freue mich so sehr für euch und wünsche euch alles, alles Glück der Welt. Auf den Instagramprofilen der beiden könnt ihr ihren gemeinsamen Weg zu ihren Wunschkindern nachlesen.

Der Wunsch einmal Kinder zu haben ist das Natürlichste der Welt. Ich selbst habe aber lange Zeit gar nicht darüber nachgedacht. Es war für mich immer so weit weg. Als ich noch unter 20 Jahre alt war, wurden nur die „alten Leute“ Väter, ich war noch lange nicht soweit, ganz im Gegenteil, ich konnte noch nicht einmal was mit kleinen Kindern anfangen. Es war nicht meine Welt. Je älter ich wurde, desto mehr wandelte sich dies. Mit Mitte 20 und in einer langjährigen Beziehung, wurde dann das erste Mal so wirklich über das Thema gesprochen. Trotzdem hatte Verhütung oberste Priorität, denn sowohl meine damalige Partnerin, als auch ich waren uns einig, dass Kinder erst ab 30 „in den Plan passten“. Als diese Beziehung dann in die Brüche ging und ich meine heutige Frau traf, begann der Reifeprozess im Kopf sich zu beschleunigen. Es wurde geheiratet und wir bauten uns ein „Nest“. Alles passte. Und ja, ich hatte nun tatsächlich die 30 erreicht. Die Kinder konnten kommen, und das würden sie auch ganz schnell.

Ich glaube, dass die kleine Geschichte, die ich soeben erzählt habe, nicht nur stellvertretend für meinen Lebensweg steht, sondern (da bin ich mir sicher) auch den Lebensweg bzw. angestrebten Lebensweg von vielen anderen jungen Männern wiederspiegelt. Und das ist auch absolut in Ordnung so. Nur sollte jeder Mann sich über eines im Klaren sein: Nichts ist planbar!

Was will ich damit sagen? Tja, wie oben bereits erwähnt, heiratete ich meine Frau, als ich 30 war. Im selben Jahr entschieden wir uns Kinder zu bekommen. Heute stehe ich zweieinhalb Monate vor meinem 36. Geburtstag und vor dem größten Glück, welches mir bislang wiederfahren ist: Der Geburt meiner ersten beiden Söhne. Wenn ich am heutigen Tag auf den Mann von damals zurückschaue, bin ich jetzt ein anderer Mensch. Sicherlich noch vom Grunde her der Gleiche, klar, aber auf jeden Fall jemand, der nichts mehr als selbstverständlich ansieht, der kämpfen musste, der gezeichnet ist von Rückschlägen, der müde ist. Aber gleichzeitig ist da so viel mehr Positives, Freude auf das Kommende, Vertrauen in die eigene Stärke und den Zusammenhalt in Partnerschaft und Familie. Denn in den genannten fünfeinhalb Jahren ist viel passiert, daher mal zurück auf Anfang:

Einige Monate nach unserer Hochzeit setzte meine Frau die Pille ab. Wir waren so naiv, dass wir glaubten, sie sei nun innerhalb kürzester Zeit schwanger. Aber die Zeit verging, Monat für Monat zog ins Land und immer noch war nichts passiert. Meine Frau wurde ungeduldig, plante unser Liebesleben immer akribischer und führte gar ein Zyklustagebuch. Für Männer mag dies im ersten Augenblick ein wenig lächerlich klingen, aber das Tagebuch sollte später tatsächlich noch sehr nützlich sein. Jedenfalls war ich manches Mal sogar ein wenig genervt, wenn wieder Sex nach Plan verordnet wurde. Denn es ist auch als Mann manchmal nicht unbedingt schön, wenn man ran MUSS.

Als sich weiterhin kein Erfolg einstellte, kam auch bei mir ein schlechtes Gefühl auf. Aber ich behielt es damals erstmal noch für mich und versuchte meine Frau zu beruhigen. Aber irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich ihr gestand, dass ich das Gefühl hätte, es könnte mit mir was nicht stimmen. Gemeinsam entschieden wir uns, uns jeweils untersuchen zu lassen. Als wir auf unsere Ergebnisse warteten, hatte ich eine riesige Angst, schließlich sollten sie unser weiteres Leben beeinflussen. Und das taten Sie. Nachhaltig! Ja, es hatte mich erwischt, mein Gefühl war richtig. Das Ergebnis meines Spermiogramms war niederschmetternd. Natürliche Zeugungsfähigkeit nahezu ausgeschlossen. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so leer und allein gefühlt. Unter Tränen erzählte ich meiner Frau von der Diagnose, immer mit der Frage im Hinterkopf, was sie wohl nun machen würde, schließlich wollte sie unbedingt Kinder. Aber diese Angst war unbegründet. Meine Frau hielt uneingeschränkt zu mir. In dieser Phase, mir ging es wirklich sehr schlecht, ich war von Schuldgefühlen zerfressen und fühlte mich allein, doch sie baute mich auf und gab mir Raum, wenn ich ihn brauchte. Es dauerte, aber nach ungefähr zwei Monaten fanden wir uns beide im Wartezimmer einer Kinderwunschklinik wieder und wir staunten darüber, dass es so voll war. Allein waren wir nun also wirklich nicht.

mr kiwu journey 3
Foto: privat

Das war sie, die erste Phase meines/unseres Kinderwunsches. Sie drehte sich vor allem darum den Mut zu haben, den nächsten Schritt zu machen. Es ist nicht einfach, die Komfortzone zu verlassen und mit Ärzten oder selbst mit dem Partner über das Intimste zu sprechen. Außerdem ist der Kinderwunsch leider weiterhin ein Tabu-Thema, auch wenn inzwischen mehr und mehr darüber berichtet wird. In den ersten Momenten fühlen sich betroffene als Außenseiter, als Unnormale. Aber das sind sie nicht! Nur leider wissen viele Paare in dieser Phase noch überhaupt nicht, dass sie nicht alleine mit diesem Problem stehen, denn es betrifft wesentlich mehr Paare in Deutschland als man denkt. Und den meisten kann geholfen werden.

Daher sehe ich diese Phase rückblickend als die Wichtigste an. Sicherlich kommt im weiteren Verlaufe noch eine Menge auf jedes Paar zu. Aber ohne das Eingestehen eines Problems, ohne das Überwinden von Ängsten und ohne das Suchen und Annehmen von Hilfe, hat man bereits verloren. Dieses zu akzeptieren ist aus meiner Sicht das eigentliche Ziel bis zu diesem Zeitpunkt, denn ohne diese Basis geht es nicht weiter…

So ging es dann also nun bei uns weiter. In der Kinderwunschklinik fanden wir nun erstmal eine Zufluchtsstelle, in der wir nicht allein waren und wo nette und tolle Menschen uns sagten, dass wir unser Ziel schnell erreichen würden. Schließlich seien wir, vor allem meine Frau, noch jung. Naiv wie wir waren, glaubten wir das bedingungslos. Aber sowohl die weiteren Untersuchungen, also auch die nachfolgenden drei ICSIs belehrten uns wieder eines Besseren. In einem Zeitraum von ca. zwei Jahren lernten wir was es heißt Geduld aufbringen zu müssen. Stück für Stück arbeitet man sich an sein Ziel vor, wird dann aber wieder zurückgeworfen. Zysten, Bauch- und Gebärmutterspiegelungen, Spritzen und Tabletten, Punktionen und Transfers, all das begleitete nun das Leben meiner Frau. Dazu ein von Mal zu Mal stetig steigender Druck, warum es weiterhin nicht klappte. Und was musste ich machen? Ich meine, neben dem Abgeben unzähliger Spermienproben in den wohl romantischsten Räumen, die man sich dafür vorstellen kann. Richtig, nichts. Na ja, ganz richtig ist das sicher nicht. Als Mann steht man zwar tatsächlich meist nur daneben, fühlt sich zweitweise hilflos und unnütz, aber man hat eine sehr wichtige Funktion zu erfüllen: Bietet Rückhalt, liebe Männer. Eure Frau braucht Euch. Gerade wenn es nicht zum Erfolg der Schwangerschaft kommt, muss das Paar mit diesen Niederlagen umzugehen lernen. Das gilt zwar für beide Partner gleich, denn auch die Männer sind emotionaler bei der Sache, als sie es meist zugeben, aber die Frauen machen auch körperlich einiges mit. Sie sollten daher Kraft und Mut aus ihren Männern beziehen können. Aber ja, diese Zeit ist zermürbend, vor allem wenn es dabei noch zu einem Verlust durch Fehlgeburt kommt, wie bei uns geschehen.

Etwa zu dieser Zeit hatten wir unser „Problemchen“ immer mehr im Freundes und Familienkreis bekannt gemacht. Es gab überwiegend positive Reaktionen, besonders die Familie wurde zu unserem starken Rückhalt. In der Folgezeit geschah dann etwas, was mich anfangs eigentlich gar nicht störte. Aber gerade nach der vierten ICSI, welche einen dramatischen Verlauf nahm und in einer Eileiterschwangerschaft endete, brachte es in mir sehr emotionale Reaktionen hervor. Gefühlt drehte sich die ganze Welt nur noch um meine Frau. Sie war der Mittelpunkt. An sich auch nachvollziehbar und verständlich, aber was war mit mir? Habe ich nicht auch Verluste durchlebt? Doch, das habe ich, auch ich habe zwei Kinder verloren. Wenn man wieder und wieder daneben steht, wenn die Frau gefragt wird wie es ihr mit der Situation geht und ihr verdientes „Seelestreicheln“ bekommt, man selbst aber leer ausgeht, dann ist das schon ein mieses Gefühl für den Mann. Liebe Männer, macht ruhig auf Euch aufmerksam, Ihr seid nicht nur Beiwerk, sondern ein vollwertiger Bestandteil des Kiwu-Teams.

mr kiwu journeyVier ICSIs waren also nun schon rum. Erfolglos! Verschlungen haben sie nicht nur viel Kraft, sondern auch eine Menge Geld. Drei 50% Förderungen von der Krankenkassen und einmal ein Sockelbetrag (im Vergleich zu den Gesamtkosten eher Peanuts, aber besser als nichts) vom Land waren aufgebraucht. Nun waren wir also komplette Selbstzahler. Neben dem bereits geschilderten emotionalen Druck kam nun immer mehr auch der finanzielle Druck hinzu. Unsere finanziellen Möglichkeiten neigten sich dem Ende entgegen. Aber Aufgeben konnten wir nicht. Unser Traum war zu groß. Deshalb gingen wir „All-In“, wechselten die Klinik, ließen weitere teure Untersuchungen durchführen und wählten andere Behandlungsmethoden. Alles dem Ziel untergeordnet es in diesem Versuch endlich zu packen. Und seit dem 31.12. des letzten Jahres ist es für mich Gewissheit. Es hat sich alles gelohnt, meine Frau ist schwanger, ich werde Vater!

Mit dem positiven Schwangerschaftstest, dem positiven Bluttest und dem folgenden positiven Ultraschall, endete meiner Ansicht nach eine weitere Phase unserer Kinderwunschzeit. Es war die Phase des Kämpfens und des Durchhaltens, der Wut und der Trauer, der Hoffnung, der Zuversicht und vor allem des Zusammenhalts. Es war eine schwierige intensive Zeit, die nicht nur viel Kraft gekostet hat, sondern auch prägend war. Sie hat mich nachdenklicher werden lassen und einen neuen Blick auf viele Dinge geöffnet. Sie hat gezeigt, dass es sich lohnt für seine Ziele und Träume zu kämpfen. Weiterhin hat sie mich sensibler werden lassen im Umgang mit dem Thema Schwangerschaft bzw. ungewollter Kinderlosigkeit. Ich kann nun erahnen, wie es der Frau geht, die mir im Zug gegenüber sitzt und die schwangere Frau und ihren Sohn zwei Sitze weiter mit traurigen Augen ansieht…

Aktuell befinde ich mich in der noch nicht ganz abgeschlossenen Phase drei des Kinderwunsches. Wie bereits eingangs erwähnt dauert es (nur) noch wenige Wochen bis zur Geburt unserer Zwillinge, die in ICSI fünf entstanden sind. Wie fühle ich mich? Überglücklich! Aber auch angespannt und immer noch erschöpft von der Zeit, die hinter uns liegt. Die Schwangerschaft selbst verlief nach anfänglicher Aufregung und leichten Komplikationen bislang eher unauffällig. Trotzdem werden Verlustängste weiterhin treue Begleiter sein. Ich denke dies ist normal und auch vollkommen in Ordnung. Vielleicht sind sie angesichts unserer Geschichte etwas Stärker als bei Eltern „normaler Schwangerschaften“, aber im Grunde wagen alle werdenden Eltern bei Ihren ersten Kindern einen Schritt ins Ungewisse und nehmen dorthin auch eine Ladung Ängste mit. Ich glaube, dies ist auch durchaus gesund.

Auf das Ungewisse freue ich mich nun am meisten, denn in dieser Phase 4, der Zeit nach der Geburt, können wir endlich das sein, was ich mir seit Jahren am meisten Wünsche, eine Familie!

Mr.Kiwu.Journey


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Befindest du dich gerade auf deiner Reise, mitten in deinem Kampf? Hast du es bereits erreicht oder wurdest du zum Aufgeben gezwungen? Kann deine Geschichte anderen Mut und Hoffnung geben oder möchtest du einfach mal alles loswerden? Ich möchte dir Raum für deine Gedanken und den Austausch geben: Wenn du über deinen Kinderwunsch berichten möchtest, schreib mir eine E-Mail

2 Kommentare zu „GB Kinderwunsch: Eine männliche Perspektive (Mr. Kiwu Journey erzählt)

  1. Puhh mit Tränen in den Augen sitze ich hier… vielen Dank für diese offenen Worte, wenig Männer sprechen über ihre Gefühle und bleiben ja oft (leider) im Hintergrund. Ich wünsche euch von Herzen alles alles liebe mit euern Söhnen und das sie gesund und munter das Licht der Welt erblicken ❤
    Julia

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  2. Danke fürs Teilen! Mich hat der Beitrag sehr berührt. Wie schön, dass die harte Kinderwunschzeit letztendlich zu einem Happy End geführt hat. Und auch, dass ein Mann sich traut, seine Gedanken zu dem Thema zu offenbaren. Mir gefällt der Ausdruck „Kiwu-Team“, denn das ist ein Paar mit (unerfülltem) Kinderwunsch, auch wenn man sich oft allein auf der Welt und (auch manchmal vom Partner) unverstanden fühlt. Es ist unendlich wichtig, dass beide nicht aufhören, zusammenzuhalten, sich gegenseitig zu unterstützen und sich als Menschen und Mann und Frau nicht aus den Augen verlieren, gerade weil das Kiwu-Thema in der Beziehung manchmal so beherrschend und entmutigend sein kann.

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