GB Fremdbetreuung „Du hast’s gut-du hast schon Feierabend!“

Heute berichtet Marina (ihr findet sie hier bei Instagram) von ihrem Wandel, umgeworfenen Betreuungsplänen und vor allem dem Versuch, an ihre Karriere anzuknüpfen. Beim Lesen ihrer Geschichte kochte es in mir persönlich kurzzeitig. Danke Marina, dass du deine Geschichte mit uns teilst und ich wünsche dir für deine Zukunft alles Liebe – und auch dass du dich beruflich (wieder) verwirklichen kannst!

Ich bin Marina, 31 Jahre alt und Mutter einer 8 Monate alten Tochter. Im Folgenden berichte ich von unserem Weg und unseren Widrigkeiten. Ich verurteile keine Familie, die einen anderen Weg für sich gewählt hat. Alle Familien, alle Kinder und alle Entscheidungen sind individuell. Wir alle wollen für unsere Kinder das beste und das finde ich toll. Vor der Geburt unserer Tochter habe ich in Vollzeit gearbeitet und bin jeden Tag anderthalb Stunden hin und anderthalb Stunden zurück zur Arbeit gependelt. Ich habe meinen Beruf mit viel Engagement und Herzblut ausgeübt und wollte nach der Elternzeit wieder auf meine hart erkämpfte Position zurückkehren. In Teilzeit. So war der Plan. So war es mit meinem Arbeitgeber kommuniziert.

Aber dann kam alles anders….

Vor meiner Schwangerschaft habe ich keine Überstunde gescheut und auch so manches Mal abends gearbeitet, wenn die meisten meiner Kollegen ihrem Feierabend frönten. Alles für die Sache, alles für die in Aussicht gestellte Beförderung. Wir haben eine engagierte Mitarbeiterin in Teilzeit, deren Aufgabe es ist, das Personalwesen und die Aktenführung zu betreuen. Sie arbeitet täglich ab 08:30 Uhr und geht um 14:00 Uhr nach Hause, bzw. ihren kleinen Sohn von der Kita abholen. Ich habe mich so manches mal dabei erwischt, als ich ihr nebst dem obligatorischen „Schönen Feierabend!“ auch noch einen wehmütigen Blick zuwarf, um das ganze noch mit den Worten „Du hast’s gut!“ zu untermauen. Damals sah ich nur, dass ich im Gegensatz zu ihr noch soundsoviel Stunden schuften musste. Für mehr reichte mein Tunnelblick nicht. Sie war halt ab 14:00 Uhr nicht mehr verfügbar. Wohingegen ich ständig verfügbar war. Oft habe ich gar nicht mitbekommen, dass sie aufgrund des hohen Arbeitsaufkommens doch länger als 14:00 Uhr geblieben ist…

Nun befinde ich mich in Elternzeit und mein Mann und ich haben unsere finanziellen Mittel zusammengekratzt, um unserer Tochter einen Krippeneinstieg mit 12 Monaten zu ersparen. Unser Kind ist sehr sensibel und wir möchten ihr noch etwas länger unsere Nähe und Geborgenheit geben.

Nach dem weiteren Jahr zu Hause möchte ich in Teilzeit zu meiner Stelle zurück kommen. Ich habe unseren Weg bereits in der Schwangerschaft offen meinem Arbeitgeber kommuniziert und war voller guter Hoffnung, dass man mich gerne auch in Teilzeit zurück nehmen würde. Man schätzt mich dort schließlich als fleißige und ehrliche Mitarbeiterin. Leider wurde ich dahingehend enttäuscht. Meine Stelle wird mit einem männlichen Kollegen neu besetzt und dieser wird mir augenscheinlich den Rang in Sachen Beförderung ablaufen. Die Beförderung, auf die ich jahrelang hinarbeitete. Mein Arbeitgeber warf unter anderem ein, dass abendliche Überstunden für mich als Teilzeitkraft ja nicht mehr möglich seien. Für den Kollegen schon. Ich brauche nun etwas Zeit, um die Aussage sacken zu lassen.

Mir kommen unweigerlich meine Worte in den Sinn, die ich unserer Teilzeitkraft vor meiner Schwangerschaft oft zur Verabschiedung sagte. „Du hast’s gut!“ Aber warum hat sie es denn gut? Hat sie es gut, weil sie mit der Hälfte des Gehalts auskommen muss? Hat sie es gut, weil sie einfach übergangen wird, wenn sie nachmittags und abends nicht da ist? Hat sie es gut, weil sie „froh“ sein muss, dass sie Arbeit hat? Hat sie es gut, weil sie durch meinen lapidaren Satz herabgewürdigt wurde? Nein-ich komme zu dem Entschluss, dass sie es nicht gut hat. Jetzt kann ich erahnen, wie sich es anfühlen muss, die „Teilzeitkollegin“ zu sein. Der erste Nachteil klatschte mir ja bereits noch vor meinem Wiedereinstieg mitten ins Gesicht.

Ich finde es traurig, dass man sich oftmals als Mama (oder Papa) zwischen Benachteiligung im Beruf oder dem möglichst frühen Abgeben des Kindes in eine Einrichtung entscheiden muss. Diese Entscheidung sollte aus dem Herzen getroffen werden, denn nur dann ist sie für alle Beteiligten tragbar. Wenn sich eine Familie für den frühen beruflichen Wiedereinstieg beider Elternteile entscheidet, dann soll das aus dem Bauch heraus geschehen dürfen. Wir sollen uns nicht schlecht fühlen müssen, wenn wir für ein weiteres Jahr zu Hause bleiben. Niemand sollte benachteiligt werden und es sollte doch mehr anerkannt werden, wenn Eltern sich für ein Teilzeitmodell entscheiden.

Ich habe für mich den Begriff der Teilzeit neu definiert. Aus dem damaligen „Du hast’s gut!“ wurde für mich heute viel mehr. Auf der einen Seite steht der Beruf, in dem man alles geben möchte und auf der anderen Seite die Familie, die alles für einen ist. Ich hätte bedenken müssen, dass auch die (Haus-)Arbeit der „Du hast’s gut“-Kollegin außerdienstlich weitergeht. Und das alles für die Hälfte des Gehalts, die Hälfte des Ansehens und für die Hälfte der Chancen auf Aufstieg. Ich weiß für mich nun, dass mir ein solcher Satz nie wieder über die Lippen kommen wird.

Wiedereinstieg Beruf Teilzeit
Unser Arbeitgeber hat übrigens kürzlich die gute Arbeit meiner Kollegin in Teilzeit mit einer Beförderung honoriert. Ich habe mich sehr für sie gefreut und ihr das von Herzen gegönnt. Anstatt meiner „Du hast’s gut!“-Wehmut habe ich ihr ehrlich gesagt, was ich an ihr schätze und warum ich finde, dass genau sie die Beförderung verdient hat. Ihre Worte „Hach, Marina. Nicht jeder erkennt das mit meiner Doppelbelastung, der Familie und meinem Beruf gerecht zu werden so an wie du. Danke!“ klingen noch in mir nach.

Nun, wir werden sehen, wie die Reise für mich weitergeht.


Mehr zum Thema Fremdbetreuung

Teil 1 – Bindungstheorie

Teil 2 – Bindung und Betreuung

Teil 3 – Erfahrungsberichte aus der Community

Erfahrungsbericht: Kita: Von „hin und weg“ zu hin…und weg!

Erfahrungsbericht: Missbrauchtes Vertrauen


Du möchtest deine Geschichte erzählen und hier mit der Community teilen? Von der Fremdbetreuung, deinem beruflichen (Wieder-)Einstieg, deinen Eltern-Gefühlen und deiner Sicht? Oder aus der Sicht einer pädagogischen Fachkraft? Ich bin gespannt auf deine Geschichte – schreib mir einfach eine E-Mail! 

5 Kommentare zu „GB Fremdbetreuung „Du hast’s gut-du hast schon Feierabend!“

  1. Ach, liebe Marina, schön, Dich hier zu lesen. Ich mag Deine klare, schnörkellose Art zu schreiben sehr! Ich wünsche Dir für Deine berufliche Zukunft alles alles Gute! Ich war übrigens auch so ein „Du hast’s gut“-Sager. Wie ahnungslos ich war. Vor ein paar Tagen bekam ich gesagt: „Ach, ihr Teilzeit-Leute habt’s gut.. Kinder machen’s möglich!“ Ich war so perplex. Ja, ich verlasse 14 Uhr das Büro, aber ich hab noch laaaange nicht Feierabend. Darüber will ich gar nicht meckern, die (wenn auch) kurze Zeit am Tag mit meiner Tochter bringt mir so viel Freude und es ist gerade mal alles so entspannt an der Kleinkind-Front, aber es ist eben erst „Feierabend“, wenn das Kind pennt, ne? Jeeeedenfalls: Du wirst das sicher alles ganz toll meistern! Fühl Dich ganz lieb gegrüßt!

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  2. Ein wirklich schöner Erfahrungsbericht mit so viel Herzblut und toll geschrieben!! Liebe Marina, toll, dass du dich so reflektierst und auch so ehrlich mit all dem, was du gesagt oder gedacht hast, umgehst. Ich wünsche dir für alles Weitere alles, alles Gute. Alles Liebe, AC

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