GB Fremdbetreuung – Missbrauchtes Vertrauen

Als ich meine Blogreihe (ihr findet sie hier: Teil 1 Bindungstheorie, Teil 2 Bindung und Betreuung, Teil 3 Erfahrungsberichte) zum Thema Fremdbetreuung plante, fragte ich euch nach Erfahrungsberichten. Einige findet ihr bereits in dritten Teil der Reihe, doch dieser hier: Dieser brauchte ganz viel Raum, ganz viel Platz, ganz viel Zeit und vor allem Kraft. Liebe Michaela: Was dir und deinem Kind widerfahren ist, ist furchtbar und erschreckend. Es macht sprachlos und ohnmächtig. Es ist ein krasses Beispiel direkt aus dem Leben. Ich wünsche euch sehr, dass ihr wieder Vertrauen fassen und die Zeit in der neuen Kita genießen könnt. Michaela findet ihr hier bei Instagram. Ich danke dir nochmal für dein Vertrauen und wünsche dir, dass es dir weiterhin hilft, über das Geschehene zu berichten.

Bereits in der Schwangerschaft machten wir uns Gedanken, in welche Kita unser Sohn gehen sollte. Tagesmütter kamen dabei für uns überhaupt nicht in Betracht. Wir waren immer der Ansicht, dass es niemand mitbekommt, wenn eine Tagesmutter mal nicht so reagiert wie es sein sollte. Meist sind diese in einer Einrichtung allein und niemanden würde es dann groß auffallen. Anders in Kitas, wo man ständig durch irgendjemanden unter Beobachtung steht.

So kam es, dass unser Sohn mit 1 Jahr in die Krippe eingewöhnt wurde. Das dortige Eingewöhnungsmodell war das Beste, was wir bisher miterlebt haben. Er sollte am Vormittag, zusammen mit Papa, in die Gruppe (10 Kinder, 2,5 Betreuerinnen) kommen. Dabei sollte der Papa lediglich als Rückzugspunkt dienen. Die Betreuerinnen suchten während der Besuchszeit bewusst den Kontakt zu unserem Sohn. Dies gelang so schnell, dass er bereits nach 4 Wochen dort am Mittagessen und Mittagsschlaf teilnehmen konnte. Die Verabschiedung wurde so gestaltet, dass ein Elternteil das Kind auf den Arm nimmt, einen Kuss zur Verabschiedung gibt und dann die Übergabe auf den Arm der Betreuerin erfolgte. Dieses Verabschiedungsmodell hat bei niemanden von uns Stress ausgelöst. Unser Sohn litt nur ganz selten am morgendlichen Trennungsschmerz, was ich vollkommen normal finde. Uns selbst ging es doch auch oft so, dass wir lieber mit ihm den Tag verbracht hätten, als mit der Arbeit.

Nach seinem 2. Geburtstag hatten wir uns aus familiären Gründen zu einem Umzug entschlossen. Wir hatten das Glück, dass wir kurzfristig eine Kita-Zusage und jeweils einen neuen Job bekamen. Bei der persönlichen Anmeldung in einer bestimmten Kita hatte ich allerdings keinen guten Eindruck und sagte noch, dass dort unser Sohn nicht hingehen würde. Leider war es die einzige Kita, von der wir eine Zusage bekamen und unser Arbeitsbeginn saß uns quasi im Nacken. Die „Eingewöhnung“ lief dort so ab, dass wir 1 Monat lang, nur bei schönem Wetter (aufgrund des Platzmangels in den Räumlichkeiten) zum Spielen in den Garten kommen sollten. Während dieser Zeit suchte keiner der wenigen anwesenden Betreuerinnen den Kontakt zu unserem Sohn. Ich beobachtete Unfälle (z.B. fiel ein 3-jähriger rückwärts von einer Schaukel) die die Betreuerinnen teilweise nicht wahrnahmen oder auch mit den Schultern zuckten.

Weil ich mir nicht sicher war, ob ich es vielleicht überbewerte, nahm ich meine Mutter mit (mein Mann hatte bereits mit seiner Arbeit begonnen), damit diese sich hiervon selbst ein Bild machen konnte. Es waren die letzten heißen Sommertage und die Kinder konnten -nackt- in einigen kleinen Wasserspielen baden. Dafür, dass diese Kita an einer Hauptverkehrsstraße liegt, inmitten eines guteinsehbaren Wohngebietes, fand ich es für unangebracht, dass die Kinder sich nackt auf dem Gelände aufhielten. Hinzu kommt, dass das Kita-Gebäude von verschiedenen Veranstaltungen (Sprachkurse, Rentnertreff etc.) genutzt wird und die Teilnehmer dafür direkt durch die Räumlichkeiten der Kita gehen, vorbei an den Aufenthaltsräumen, Sanitäranlagen… Ein Mädchen wurde allein von den beiden Betreuerinnen, die auf der Hofbank saßen, auf die Toilette geschickt, weil sie mal musste. Zu diesem Zeitpunkt fand gerade eine Veranstaltung statt, allerdings wusste niemand, wer sich so genau in den Räumen aufhält.

Ich hatte bei der Kita-Leitung solch eine Situation bereits vorher angesprochen; „Wir versuchen darauf zu achten…“, bekam ich als Antwort. Das gleiche Mädchen rutschte nackt die Rutsche herunter, wo vorher noch ein anderes Kind Sand verstreut hatte. Das Mädchen machte ein schmerzverzerrtes Gesicht und die Betreuerinnen saßen ihr schulterzuckend gegenüber. Ich kann mich erinnern, dass ein Kind, dass dort selbst einmal zur Kita ging, an einem Nachmittag zu Besuch vorbeikam und eine der Betreuerinnen sagte „ach schön, und das bei der schlechten Kita.“. Sie waren bzw. sind sich ihrer Außenwirkung sehr wohl bewusst. Mit einer Mutter sprach ich dort auch über meine Beobachtungen. Sie wusste nicht viel zu sagen, als dass die Betreuer ihr Bestes versuchen. Wenig später verletzte sich ihr Kind vor unseren Augen an einem Spielgerät und keiner der Betreuer half uns mit Kühlakku o. ä. und dabei schwoll die Wunde innerhalb weniger Sekunden zu einer dicken blauen Beule an.

Ich trug mich also mit einem schlechten Bauchgefühl herum und fragte mich, wann denn endlich mal jemand uns beachtet und sprach die Kita-Leiterin an, wann und wie es denn dann richtig los gehen würde. Ich sollte in der darauffolgenden Woche kommen, unseren Sohn abgeben und gehen. Ich sagte ihr, dass ich dies nicht machen werde, weil unser Sohn gar nicht weiß, an wen er sich wenden sollte, da unsere Aufenthalte dort eigentlich wie jeder Spielplatzbesuch gewesen wäre. Ich bekam als Antwort, dass es aufgrund der beengten Verhältnisse nicht möglich wäre, dass ich mit Anwesend bleibe oder mich irgendwo zurückziehen könnte. Wenn mir das nicht gefällt, dann solle ich mir eine andere Kita suchen. Ich war schon etwas perplex und war mir damit sicher, mir/uns nix mehr vormachen zu müssen. Ich könnte mit dieser Kita nicht ruhigen Gewissens arbeiten gehen.

Ich hörte mich parallel dazu bei Tagesmüttern um. Jedoch waren alle bis Mitte des darauffolgenden Jahres „ausgebucht“. In einer Nacht- und Nebelaktion erfuhren wir, dass eine Tagesmutter neu eröffnet. Wir bekamen schnell Kontakt zu ihr und das Vorgespräch, sowie die Einrichtung hinterließen einen guten Eindruck bei uns. Die Einrichtung wurde von ihr und einer Freundin/Kollegin geführt d.h. jeder der beiden hatte 5 Kinder. Die ersten 2 Tage sollte jeweils 1 Mutter mit Kind kommen. Wir Mütter saßen in der Küche, während die Tagesmütter sich mit den Kindern beschäftigten. Am 3. Tag sollten dann alle Kinder am Vormittag gebracht werden und die Eltern sollten gehen. Es waren dann mit einem Schlag 9 weinende Kinder da, die uns „begrüßten“. Jedes mit seinem eigenen Trennungsschmerz. Das eine hing weinend in der Gehhilfe, das andere Kind wälzte sich auf dem Boden. Die anderen saßen überall verstreut und weinten. So sollte ich ihn also zurücklassen.

Ich habe ihn nach einer halben Std. wieder abgeholt, weil ich es nicht mehr aushielt. Er sah natürlich völlig verweint aus. Ich fragte mich eigentlich schon da, was wir hier für eine *** machen. Das Kind ist früher so gern in die Kita gegangen. Er hat nie bei der Verabschiedung geweint. Eher am Nachmittag, weil er nicht nach Hause wollte. Am nächsten Tag beim öffnen der Tür kam uns der sich vom Vortag auf dem Boden wälzende Junge direkt entgegen gerollt. Er wälzte sich diesmal über sein Kuscheltier und schrie derart, dass selbst ich völlig erschrocken war. Mein Sohn umklammerte meine Hand ziemlich fest, so dass ich der Tagesmutter sagte, dass ich jetzt nicht gehen werde. „Damit hat er aber seinen Willen bekommen. Sie tun ihm damit nichts Gutes“. Ich sagte, dass dies mit Willen bekommen nichts zu tun hat, sondern lediglich damit, dass er Angst hat, weil er die Situation nicht versteht. Hiernach gab es das erste Elterngespräch mit meinem Mann, in dem die Tagesmutter mich als Helikoptermutter bezeichnete. Die nachfolgenden Schilderungen bekomme ich zeitlich nicht mehr genau in die richtige Reihenfolge, zu sehr wühlt es mich auf, daran zurückzudenken. Bei einer Abholung klagte mein Sohn über Bauchschmerzen. Während die anderen Kinder beim Mittagsschlaf waren, übergab mein Sohn sich im Flur. Wir bekamen den netten Hinweis nicht so laut zu sein, aber uns wurde geholfen die Misere zu beseitigen. Die Tagesmutter saß meinem Sohn, während er schlaff in den Seilen hing, kichernd gegenüber und sagte „Du siehst aber auch *** aus“. Sagt jemand, zu dem man Vertrauen bekommen soll, soetwas?!  Die Einrichtung war danach 1 Woche geschlossen, weil alle Kinder erkrankt waren und sogar ein 9 Monate altes Baby im Krankenhaus gelandet ist. Als wir dann wieder auf dem Weg dorthin waren, warf mein Sohn sich urplötzlich vor der Eingangstür auf den Boden und weinte/schrie. Ich bekam ihn nur schwer zu packen und musste ihn quer durch die Tür tragen. Ich war schweißgebadet und völlig aufgelöst. Wieder sollte mein Bauchgefühl recht haben. Was zum Hecker mache ich nur?! Ich fühlte mich so schlecht. Wusste aber weder ein noch aus. So gern wünschte ich mir meinen Mann herbei, der mich wachrütteln hätte sollen und sagen sollen „Hey, dein Bauchgefühl. Mach die Augen auf!!!“.

Als ich unseren Sohn abholte, kam er weinend auf mich zugerannt und die Tagesmutter meckernd hinterher. Beides stürzte auf mich ein. Er hing weinend an mir und sie schrie mich an, dass er das Mittagessen weggestoßen hätte, quer über den Tisch. Während ich von ihr ins Kreuzverhör genommen wurde, verlangte mein Sohn von mir seinen „Bu“ (Schnuller). Ich flüsterte ihm zu, dass er ihn gleich bekommt. Darauf schrie die Tagesmutter mich an „Sehen Sie, das ist genau das, was ich meine. Wenn ich sage er bekommt nichts mehr zu essen, dann können Sie ihm nicht sagen, dass er was bekommt“. Ich sah sie stinksauer an und sagte ihr, dass ich ihm soeben seinen Schnuller versprochen hatte. Sie entschuldigte sich kleinlaut und ging sich um die anderen Kinder kümmern. Mein Sohn saß neben mir auf der Bank an die Wand angelehnt und schluchzte. Ich fragte ihn, warum er weint. Er haute sich mit der Hand auf den Kopf. -An dieser Stelle muss ich erklären, dass unser Sohn kein Kind ist, dass zu einem gerannt kommt und erklärt, was andere Kinder ihm z. B. auf dem Spielplatz getan haben o.ä.- Ich konnte es nicht fassen was er da zeigte. Das machte er vorher noch nie. Ich fragte ihn, ob ihm etwas auf den Kopf gefallen wäre, was er bejahte. Ich fragte weiter, wo das passiert ist. Er zeigte auf die Küche. Ich fragte ihn wieder, was ihm denn dort auf den Kopf gefallen wäre und er zeigte auf die Styroporverpackung der Mittagslieferung, die da gerade im Flur stand. Während dieser Unterhaltung waren wir ganz allein im Flur und ich hatte ihn so wie da, noch nie zuvor erlebt. In diesem Moment schwor ich mir, diesen Laden nie wieder zu betreten. Ich wusste nur nicht, wie wir am besten aus dem Vertrag kommen sollten. Ich wusste auch nicht, wie mir jemand anderes glauben sollte. Ich hatte keinerlei Beweise und ich wusste, dass unser Sohn es so niemanden wieder erzählen/zeigen wird.

Es folgte wieder ein Elterngespräch. Mittlerweile das 2. in 3 Wochen. Diesmal zu 4. Wir Eltern gegen 2 Tagesmütter. Dort erfuhr ich, dass mein Sohn das Essen -angeblich ohne Grund- quer über den Tisch gestoßen hat und zwar so stark, dass es gegen die frisch tapezierte Wand flog. Sie gab zu mit ihm mächtig geschimpft zu haben. Ich sprach sie nicht darauf an, dass er mir im Flur angezeigt hatte, dass sie ihn gehauen hat, weil sie es nie zugegeben hätte und er es im Fall der Fälle nie wieder jemanden so gezeigt hätte. In diesem Gespräch fragte ich sie, wie ich und/oder unser Sohn zu ihr Vertrauen gewinnen sollte, wenn sie jemanden, der ihr verbal gewachsen ist und keinerlei Respekt gegenüber bringt, es bei jemanden aussieht, der ihr nicht verbal gewachsen ist. Darauf grinste sie mich höhnisch an und antwortete, dass sie die geduldigste Person überhaupt wäre. Meine Gedanken an dieser Stelle kann ich euch aus ethischen Gründen nicht wiedergeben. Sie kündigte uns daraufhin den Vertrag, worüber wir sehr dankbar waren, denn es ersparte uns weiteren finanziellen Ärger.

Wir entschlossen uns, dass wir in Ruhe eine geeignete Kita suchen. Ich kündigte meinen nicht angetretenen Job und bin nun seit Oktober 2016 mit meinem mittlerweile 3jährigen Sohn zuhause. Von vielen werde ich als Klammermutter bezeichnet, was mich ziemlich wütend macht, da niemand weiß, was eigentlich hinter uns liegt. Ich bereue es, nicht besser auf mein Bauchgefühl gehört zu haben und gegen meine eigenen Prinzipien verstoßen zu haben. Nie wieder würde ich einer Tagesmutter trauen können, die mir anzeigt, dass ich nicht erwünscht bin. Im Juli beginnt eine neue Eingewöhnungsphase in unserer Wunschkita. Ich stehe bereits jetzt schon unter Strom, weil mich das Erlebte noch immer begleitet. Ich hoffe aber, dass ich im August endlich sagen kann, dass alles gut geworden ist.


Mehr zum Thema Fremdbetreuung

Teil 1 – Bindungstheorie

Teil 2 – Bindung und Betreuung

Teil 3 – Erfahrungsberichte aus der Community

Erfahrungsbericht: Kita: Von „hin und weg“ zu hin…und weg!


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3 Kommentare zu „GB Fremdbetreuung – Missbrauchtes Vertrauen

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