Selbstliebe?! Von Körpergefühl & Selbstzweifel Part 2

Hier folgt nun die Fortsetzung von Selbstliebe?! Von Körpergefühl & Selbstzweifel. Die Reaktionen darauf haben mich überwältigt und mich berührt. Ich danke euch für euer Feedback und bin auf weiteres gespannt!

Gruftizeit und Autoaggression (Fortsetzung)

Ich fühlte mich auf der einen Seite in meiner neuen Welt angenommen, zeitgleich hasste ich meinen Körper und mein Dasein immer mehr und spürte Einsamkeit, Trauer und eine neue Emotion: Wut. Zu dieser Zeit wurden meine Beine und Arme immer dicker. Meine Taille hingegen blieb schlank. Weder meine Körperhälften noch alles andere an mir passte zusammen. Nichts an mir war richtig. Irgendwann wog ich knapp 120kg und das sah man mir auch an. Ich erlaubte mir nicht mich um mich zu kümmern. Jemand wie ich brauchte keine Fürsorge oder Pflege. Ich ging geschminkt ins Bett und knallte am Morgen einfach eine neue schwarze Maske drauf. Ich kümmerte mich unregelmäßig um mich. Oft war ich mir einfach egal. Ich blieb im Bett liegen, obwohl ich zur Schule musste. Ich trieb mich nachts stundenlang draußen rum. Ich machte weder Hausaufgaben noch half ich zu Hause. Ich fand zwar Anschluss in der schwarzen Szene, aber vieles blieb oft oberflächlich (so wie der Kontakt mit alten Freunden) und vor allem haderte ich weiterhin mit der Ablehnung durch meinen Vater. Welcher Mann sieht seinem eigenen Kind in die von Tränen aufgelösten Augen, während es ihn schreiend anfleht es doch zu lieben, weil sie das gleiche Blut haben? Welcher Mann bleibt scheinbar unbeeindruckt, wenn sein Kind dies durch einen Schnitt beweisen will, steigt in sein Auto und fährt einfach an ihm vorbei? Auch wenn ich meinen Frieden heute gefunden habe, treibt mir diese Erinnerung die Tränen der Verzweiflung in die Augen, lässt mich zittern und schwer atmen. Was hatte ich denn nur getan? Das alles bestimmte mich viel mehr, als mir damals bewusst war. (Heute weiß ich, dass es nicht an mir, sondern an ihm lag. Es bestimmt mein Leben nicht mehr, aber es berührt mich weiterhin.)

 Seelenpflege und normale Selbstzweifel

Als meine Seelenpflege begann, lehnte ich meinen Körper und mein Sein weiterhin ab. Ich dachte immer nur: Wäre ich doch nur dünner. Wäre ich doch nur hübscher. Wäre ich doch nur beliebter. Angenommener. Integrierter. Ich definierte mich die meiste Zeit meines Lebens über die Zuneigung anderer und tat alles dafür. Seelisch bekam ich irgendwann kurz der Oberstufe die Kurve. Die lange Zeit der Autoaggression lag hinter mir – die gestörte Beziehung zu mir änderte sich langsam. Ich fühlte mich jedoch immer noch unwohl, von Blicken verurteilt, oft fett und hässlich. Jedoch denke ich, dass es sich langsam im normalen Selbstzweifelbereich bewegte, dem man sich als junge Frau heutzutage ausgesetzt sieht. (Es so zu betrachten ist auch ganz schön krank, oder?!) Ich konnte wieder Fürsorge für mich übernehmen, mich pflegen und mich mehr annehmen.

Die Diagnose Lipödem

Als ich studierte schmerzten meine Beine immer öfter, wurden dicker und delliger, obwohl ich mein Gewicht hielt und sogar ordentlich durch den Einzug von Kusko verringerte. Ich ging zum Arzt und es geschah nichts. Ich war eben dick: Sport und gesunde Ernährung sollten helfen. Ich versuchte es, aber es half nichts und ich fand mich damit ab. Ich hatte zwar das Gefühl, das etwas nicht stimmte aber scheinbar war ich auch hier selbst schuld und dafür verantwortlich. Meine Beine würden eben nie schlank sein und die Schmerzen waren scheinbar normal. In dieser Zeit pflegte und kümmerte ich mich schon mehr um mich, mochte mich ab und zu sogar und kam gut mit mir aus. Aber meine Beine störten mich immer. Sie schmerzten einfach durchweg.

Mein Lipödem wurde mit Mitte 20 endlich diagnostiziert und ernst genommen. Ich wusste nicht, was es genau bedeutete. Aber irgendwie war ich froh, dass endlich gesehen wurde, dass etwas nicht stimmte. Ich bekam nur eine Lymphdrainage verschrieben und wurde ansonsten allein gelassen. Mir wurde nichts erklärt und im Netz fand ich erschreckende Bilder von „Elefantenmenschen“. Mit der Erleichterung endlich einen Namen dafür zu haben und zu wissen, das ich eben nichts dafür kann, kam auch die Erkenntnis, das ich nicht wirklich etwas dagegen tun kann. Das es sich nicht besser wird. Das ich mein Leben lang Kompressionen tragen werden muss. Das mein Körper einen Defekt hat, der mein Leben beeinträchtigt. Könnt ihr euch vorstellen, wie gerne ich einmal in Stiefel passen wollen würde? Wie gerne ich mal schlanke Beine haben wollen würde? Oder einfach mal keine Schmerzen? Aber eben auch als junge Frau von oben bis unten schön aussehen? Ich hasse es manchmal so sehr und habe es satt, in keine Hose zu passen. Und wenn ich welche finde, sind sie nach ein paar Monaten an den Oberschenkeln durchgescheuert. Vielleicht würde es mir ja Freude bereiten öfter einkaufen zu gehen, wenn es modische und vor allem bezahlbare Hosen geben würde, die eben passen. Aber ich sehe es nicht ein für eine Hose, die eben nach einigen Monaten einfach durch ist an die hundert Euro auszugeben. An manchen Tagen ist meine Scham auch groß, vor allem im Sommer. Wenn man es sieht oder ich bei hohen Temperaturen auf die Kompression verzichte und spüre wie -vor allem Frauen- meine Beine abchecken. Schwimmen gehen? Nein danke, da müsste ich ja meinen Körper richtig zeigen! Zur besseren Erklärung:

Das Lipödem ist eine (auch von vielen Ärzten immer noch) oft verkannte Fettverteilungsstörung, die überwiegend im Oberschenkel-, Gesäß- und Hüftbereich, an der Innenseite der Kniegelenke und der Unterschenkel auftritt. Besser bekannt ist diese Krankheit als Reiterhosenphänomen oder Säulenbein. Die Arme sind im fortgeschrittenem Stadium oft auch betroffen, nach Patientenerfahrungen meist ab Stadium II. Auffällig ist dabei, dass die Füße und Hände ausgespart sind, sodass das Fettgewebe darüber lappt und eine Art Kragenbildung entsteht. Das Lipödem ist IMMER progredient, das bedeutet fortschreitend. Und es ist IMMER schmerzhaft! (Quelle: http://www.lipoedem-hilfe-ev.de/index.php/krankheit-g, zuletzt abgerufen am 02.05.17 )

Irgendwann fand ich mich mehr damit ab, auch wenn ich auch heute noch bei Sommerkleidern oder schlanken Beinen traurig und/oder neidisch werde. Mein Körper ist einfach fehlerhaft was das angeht. Aber mein Mann liebt mich wie ich bin und solange die Schmerzen nicht akut schlimmer werden, habe ich mich  die meiste Zeit irgendwie arrangiert. Ich darf die Krankheit nicht zu groß werden lassen: Sie ist ein Teil von mir. Aber eben auch nur ein Teil. #lipödemphönix

Erneute Zweifel an der Weiblichkeit 

Wie ihr hier und hier nachlesen könnt, machte uns mein Körper einen Strich durch die Rechnung, als die Kinderplanung begann. Die Diagnose: PCO Syndrom. Ich entdeckte eine neue Wut auf meine Körper und fühlte mich meiner Weiblichkeit beraubt. Es konnte doch einfach nicht wahr sein, das mein Körper ständig nur Probleme machte! Die dicken, schmerzhaften Beine und Arme, meine Unsportlichkeit und jetzt erstreckte sich diese Unfähigkeit meines Körpers scheinbar auch auf meine Eierstöcke. Ich verzweifelte und fühlte mich als nicht vollwertige Frau. Es war das ursprünglichste, was auf einmal betroffen war. Doch haderte ich vor der Schwangerschaft mehr als zuvor mit mir und meinem Körper, zweifelte meine Weiblichkeit an, verschwand das schlagartig mit Schwangerschaft. In dem Moment in dem wir diesen wundervollen Test und die damit verbundene Gewissheit in den Händen hielten (Hier nachzulesen), vertraute ich meinem Körper. Ich dachte, dass er jetzt genau wüsste, was zu tun war. (Leider ist das PCO zurück. War es nach der Schwangerschaft verschwunden, ist es jetzt in all seiner Schönheit wieder da. Mich nervt es wirklich, dass mein Körper nicht funktionieren mag.)

Vom Selbsthass zur Selbstliebe

Das Verhältnis zu mir und meinem Körper änderte sich schleichend und es brauchte viel Zeit. Während andere Frauen in der Schwangerschaft Probleme mit ihrer Selbstbild hatten, gesundete mein Verhältnis zu mir. Für mich ist auch heute noch jede schwangere Frau wunderschön. Leben zu empfangen und auszutragen: Möge der Feminismus  mich jetzt verdammen, aber gibt es vollendetere Weiblichkeit? (Zwar hatte ich bis weit in den fünften Monat mit schlimmer Übelkeit zu kämpfen und noch ein paar andere Beschwerden und Wehwehchen (klick), aber trotzdem lief alles nach Plan und mein Körper funktionierte.) Das Einzige was mich heute noch grämt: Im Mutterpass wurde „Adipositas“ angekreuzt. Anstatt mich anzuhören, wurde einfach der BMI berechnet und das Kreuz gesetzt.  Zum Glück hat mein Angiologe dies bei der Untersuchung verneint: Nein, ich bin nicht fettleibig, sondern habe ein Lipödem.

Und das Überraschendste? Meine Beine wurden besser! Ich verlor zwischen zwei und sechs Zentimetern Umfang. Das lag wahrscheinlich daran, dass ich vor Übelkeit kaum essen konnte und die gesunden Fettzellen abbauten. (Die krankhaften, gestörten Fettzellen können nicht ohne Operation – auch nicht durch Sport -verschwinden.) Viele Frauen kämpfen genau mit dem Gegenteil. Ich hatte Glück. Ich begann in mich zu horchen und auf mich und meinen Körper zu achten – meinem Baby zu liebe. Ich musste ihm doch die bestmöglichen Startmöglichkeiten schaffen und seine Einraumwohnung „in Schuss halten“. Dann war da diese wundervolle Entbindung, für die ich dankbar bin und an die ich gern zurück denke. Mein Körper hat unglaubliches geleistet. Ich habe unglaubliches geleistet – trotz meiner Unsportlichkeit! Aus Liebe zu meinem Baby wurde langsam eine Liebe zu mir. Ich lernte mich richtig um mich zu kümmern: Den Bauch einzuölen, ich passte verdammt gut auf die Zähe auf, und ernährte mich bewusster. Was für andere selbstverständlich ist, musste ich lernen. Ich musste lernen, mir selbst zu erlauben mich wohlfühlen zu dürfen und zu wollen. Ich lernte, dass dies kein Verbrechen ist. Auch wenn ich es nicht täglich schaffe, gelingt es mir oft besser. Vor allem auf meine Signale zu achten. Bedürfnisorientiert, so wie wir leben möchten, heißt eben auch auf eigene Bedürfnisse und Grenzen zu achten, um weiter für jemanden da zu sein der völlig abhängig und angewiesen auf mich ist.

Ich bin mehr in der Lage nein zu sagen, mich von Dingen zu lösen, die mir nicht gut tun und mir zum Beispiel Zeit für meinen Körper und dessen Pflege zu nehmen. Das Bedürfnis baut sich aus: Ich möchte es tun. Ich möchte mich mehr und mehr wohl fühlen, aber in meinem Rahmen. Was für andere Mamas sicher immer noch viel zu wenig wäre, ist für mich ein Schritt in eine gesündere Richtung. Es sind viele kleine Meilensteine die ich ganz allein erreiche. Ich entwickle mich fortlaufend. Durch die neu gefundene Dimension der Weiblichkeit – Schwangerschaft, Entbindung und Mamasein- gesunde ich. Ich habe mich ein Stück weit mit mir versöhnt. Das bin ich meinem Körper schuldig, nach dem Wunder das er vollbrachte. Und ich fühle mich jetzt wertvoller, kann mich selber mehr annehmen und – ja ich denke man kann es so nennen – lieben.

Es war nicht leicht und mein Weg wird noch weiter gehen. Aber ich bin stolz auf das was hinter mir liegt. Vielleicht schaffe ich sogar irgendwann den Weg zum Sport, denn ich merke das ich Schritthalten lernen muss.

Vielleicht könnt ihr jetzt das ein oder andere besser verstehen. Wie geht es euch mit euch selbst? Achtet ihr auf euch? Könnt ihr euch so annehmen, wie ihr seid? Habt ihr Tipps dafür? Wie habt ihr euch in eurer Schwangerschaft gefühlt?

Herzlichst, Antonia

Empfehlungen bzgl Lipödem:

Lipödem Hilfe eV

Tolle Blogs zum Thema Lipödem:

3 Kommentare zu „Selbstliebe?! Von Körpergefühl & Selbstzweifel Part 2

  1. Meine liebe Antonia,
    die „ganze“ Geschichte zu lesen macht mich traurig und erschüttert.
    Kenne ich dich doch als so herzliche und offene Frau, finde ich es unfair das du immer so kämpfen musstest.
    Ich bin sehr froh dich durch unseren Kinderwunsch kennen gelernt zu haben und mir kommt es vor, als kennen wir uns schon ewig.

    Du kannst ganz sicher stolz auf dich und dein Weg sein.
    Auch wenn er hart war- er hat dich zu der Persönlichkeit gemacht die du jetzt bist. Eine starke Frau und die mitfühlendste Person die ich je getroffen habe.
    Ich drücke dich ganz fest.
    Danke für deine Offenheit!
    Deine Julia ❤️

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