Selbstliebe?! Von Körpergefühl & Selbstzweifel PART 1

Liebe dich selbst! Akzeptiere dich so wie du bist! Mit all deinen kleinen Fehlern. Pfeif auf das Schönheitsideal. Sei selbstbewusst. ABER bitte entspreche auch den Erwartungen und versuche es wenigstens. Immer wieder wird auf verschiedenen Plattformen zur Selbstliebe und -akzeptanz aufgerufen. Vor allem unter Frauen. Es ist scheinbar ein Frauenphänomen, sich selbst abzulehnen oder mit Mitte 20 bereits Antifaltencreme aufzutragen, nur um schön zu sein bzw. diese Schönheit zu erhalten. Selbstliebe, Selbstwahrnehmung und Körpergefühl sind keine einfachen Themen. Auch für mich nicht.

Dieser Text fällt mir nicht leicht, während er mir doch aus den Fingern herauszusprudeln scheint. Ich hatte nie ein richtiges, ein gutes Verhältnis zu der Person, die mir täglich im Spiegel begegnet. Es gab Phasen, in denen ich mir selbst so fremd und verloren war, in denen ich mich verfluchte und regelrecht hasste. In denen ich meinem Körper und meiner Seele Gewalt antat, nur um irgendwie überhaupt mit mir in Verbindung bleiben zu können. Es war ein langer Weg mich selbst anzunehmen wie ich bin und noch immer fällt es mir oft nicht leicht. Da es so viele Punkte gibt, erläutere ich euch ein paar davon.

Es ist der wohl persönlichste Beitrag, den ich bisher geschrieben habe. Intimer als der Geburtsbericht und alles andere. Ich weiß nicht, ob mir diese Offenheit irgendwann zu Lasten gelegt wird. Aber es ist mein Leben, mein Weg – ich wurde dadurch geformt und all das hat immer noch Einfluss. Ich wollte immer verstehen, weshalb ich denke und handle, wie es eben passiert. Und mein Weg, mein Leben bietet viele Antworten und das Erkennen eben dieser (oder auch die gute Selbstreflexion) bieten mir die Chance etwas bewusst zu ändern. Aufgrund der Länge habe ich mich kurzerhand entschlossen zwei Beiträge daraus zu machen. Hier also der düstere (?) Anfang:

Wir sind die Summe unseres Lebens | Aus Kindertagen 

Zurück zum Anfang: Meine Kindheit war mütterlicherseits stets mit Liebe gefüllt. Sie liebte und achtete mich, wollte, dass ich mich wertvoll fühle und übersah mich und meine Bedürfnisse doch so oft. Ich mache ihr keine Vorwürfe (Nein Mama, das tue ich nicht!) – all dies war strukturbedingt. Sie rotierte und funktionierte zwischen einem körperlich und geistig mehrfach schwerst behindertem, einem nicht ganz so leichten und einem unauffälligen Kind (ich) und dem restlichen Leben. Ich lief problemlos nebenher, machte vieles selbstständig und sie hatte so Ressourcen für andere Aufgaben. Zeitweise fühlte ich mich übersehen und nicht wahrgenommen. Heute können wir darüber sprechen und diesen Umstand gemeinsam betrauern. Das tut mir gut. Für sie ist es nicht leicht: Alles was sie je wollte war die perfekte Mama zu sein. Doch es gibt keine perfekten Eltern (und dass das gut und richtig ist, und dieser Anspruch kaputt macht, das weiß ich mittlerweile). Ich wollte meinen Eltern immer gefallen. Vor allem meinem Vater, der sich so früh von uns abwandte. Das habe ich jahrelang damit assoziiert, dass ich kein Junge geworden war, so wie es für ihn wohl wichtig gewesen wäre. Noch heute stellen sich meine Nackenhaare auf, wenn ich das Wort „Stammhalter“ höre. Eine zeit lang hatte ich deswegen ein echtes Problem mit meiner weiblichen Identität. Nicht, das ich mich jemals im falschen Körper gefühlt hätte. Aber ich hatte das Gefühl, nicht richtig zu sein, wie ich war. Und das ich nichts dagegen tun konnte, da ich nun mal keinen Penis habe. Es lag nicht in meiner Hand und doch fühlte ich mich verantwortlich dafür einfach nicht richtig zu sein. Meine Mama konnte mich noch so sehr lieben (Und das tat und tut sie. Wer weiß, wo und ob ich heute wäre, wenn dies nicht so gewesen wäre.) Was ich jedoch wollte (und brauchte) war die Anerkennung durch meinen Papa, die ich bis heute nie erhalten habe. Ich machte mir nie viel aus Kleidung oder Make Up. Meine Mama hatte auch keine Zeit uns so etwas vorzuleben, während sie zwischen all den Aufgaben täglich unterzugehen drohte. Wir waren sauber, hatten Kleidung und Essen. Sie wirbelte herum und gab sich oft völlig auf, um uns drei Kinder großzuziehen. Das war also das Bild, das ich lernte: Eine Mutter gibt sich völlig auf, vergisst sich und tut alles für ihre Kinder, aber nichts für sich. Ein Vater zieht sich zurück und schenkt nur Aufmerksamkeit, wenn man „richtig“ ist. Und ich? Ich fühlte mich so oft nicht richtig. Ich mochte mich nicht und manchmal ertrug ich mich selbst bereits in jungen Jahren nicht.

Schlank und sportlich war ich ebenfalls nie. Dazu kam dieses geringe Selbstbewusstsein, meine mitunter weinerliche, irgendwie hochsensible Art, abgetragene Klamotten und kein Interesse für das, was vielen jungen Mädchen wichtig ist. All das machte mich zur Zielscheibe anderer. In der zweiten Klasse kam ich weinend aus der Schule nach Hause gelaufen und fragte schluchzend: „Mama was ist ein Wichser? M. hat gesagt mein Bruder ist ein behinderter Wichser.“ Ich schämte mich für meinen Bruder und litt unter den Hänseleien, die sich immer mehr auf meine Person bezogen. Auch für meinen Bruder konnte ich nichts! Kinder können grausam sein. Sehr grausam. Ich war scheinbar eine gute Zielscheibe.

Als es auf die Pubertät zuging wurde ich aufgrund meines Gewichts regelrecht gemobbt. Es wurde sich lustig gemacht und das tat so weh. Ich war hochgeschossen, sank jedoch immer völlig in mich zusammen um nicht aufzufallen, war unsportlich, trug alte Klamotten auf und meine Beine schienen nie zum Rest meines Körpers passen zu wollen. Heute weiß ich, was damals anfing und mich mein ganzes Leben begleiten wird. Ich hatte auch Freunde, mit denen ich mich gut fühlte. Aber ich fühlte mich neben ihnen oft unzulänglich: Sie waren sportlicher, machten sich irgendwie zurecht und schienen vor Selbstbewusstsein zu trotzen. Mit dem Wechsel auf das Gymnasium wurde es erst besser, bevor es richtig schlimm wurde. Die Scheidung meiner Eltern, der endgültige Schnitt von meinem Vater, riss mich völlig aus der Bahn. Ich begann zu essen, um mich zu trösten und mein Gewicht hüpfte rauf und runter. Mein Essverhalten war ab da an über Jahre einfach gestört. Tagelang aß ich sehr wenig, um dann sechs Puddings auf einmal in mich zu schaufeln. Ich fing an dunkle Musik zu hören, mich in Chatrooms zu verlieren und meinen Freunden und meiner Familie zu entgleiten. Ich wollte mich selbst finden, wie jeder Teenager.

Gruftizeit und Autoaggression

Ich begann mich zu verändern und beschloss irgendwann: Ich trage nur noch schwarz. Ich wurde zum Goth und begann mich etwas wohler, etwas sicherer zu fühlen. Es gab mir Halt, ich konnte mich abgrenzen und mir eine Identität bewahren. Auf der anderen Seite schnitt ich mir die Arme auf. Ich wurde autoaggressiv und misshandelte mich selbst über einige Jahre. Meinen Körper und meine Seele. Und ich sehe heute noch einen ehemaligen Mitschüler vor mir sitzen und vor der versammelten Klasse zu mir sagen: „Ach Antonia halt doch die Klappe und schneid dir die Arme auf!“ – die Lehrerin sagte nichts. Niemand sprang mir zur Seite und ich starrte ihn ungläubig an. Ich fühlte mich nicht nur allein, ich war tatsächlich allein. In der achten oder neunten Klasse saß ich ohne Rückendeckung in diesem Klassenzimmer und mir wurde so etwas an den Kopf geworfen. Ich war mit mir allein – der Person, mit der ich so oft nichts anfangen konnte und deren Körper ich so ablehnte. Ich wollte hübscher aussehen, schlanker. Aber es gelang auch mit Sport nicht. Während meine Freundin ihre Haut am Bauch als „Speckfalten“ bezeichnete, fühlte ich mich verhöhnt und hasste mich mehr. Die Pubertät ist keine leichte Zeit: Hormone, Veränderungen, den eigenen Platz und Idendität finden. Ich dachte oft „Wenn ich doch nur hübscher und beliebter wäre, wäre es alles einfacher.“ Ob es so gewesen wäre, weiß ich nicht. Denn auch schlanke, hübsche und beliebte Mädchen haben schwere Zeiten.

(…) den restlichen Beitrag poste ich noch in dieser Woche. Hier geht es zu Part 2.

Herzlichst, Antonia

13 Kommentare zu „Selbstliebe?! Von Körpergefühl & Selbstzweifel PART 1

  1. Liebe Antonia,
    ich bewundere dich und deinen Mut über dieses sehr persönliche Thema zu schreiben. Aber weißt du was? genau das ist der Anfang der Selbstakzeptanz. Alles genau anzuschauen und zu reflektieren. Was du in deiner Kindheit und Pubertät erlebt hast hat dich gezeichnet und wird immer in deiner Seele gespeichert sein. Und es hat dich auch zu dem Menschen gemacht, der du heute bist. Unweigerlich wirst du immer mit diesen Dingen konfrontiert werden – aber du kannst damit arbeiten. Als du mir das erste Mal gesagt hast, du hättest mich nicht einschätzen können und meine Followerzahlen wären besser als deine hast du dich unbewusst in einen Vergleich gestellt und dich abgewertet. Nun wird mir immer mehr klar, warum du (heute noch) so oft mit die haderst. Ich freue mich, dass du dich öffnest und noch mehr freue ich mich, dass du mir gegenüber auch immer ein ehrliches Wort übrige hast.
    Bin gespannt auf den zweiten Teil!
    Liebe Grüße
    Miriam
    http://www.howimetmymomlife.de/

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    1. Liebe Miriam, Danke für deinen Kommentar. Ja ich denke du kannst nun besser verstehen, warum ein großes Thema das „gesehen werden“ ist. Es ist einfach tief verankert und trotz ständiger Reflexion und jahrelanger Arbeit an mir nur schwer zu umgehen. Manche Dinge sind einfach ein Leben lang in der Persönlichkeit verankert. Und das ist gut so – ich muss es mir nur zu nutzen machen. Danke für deine Worte! Liebe Grüße, Antonia

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  2. Meine liebste Antonia,
    Ich denke oft an unsere gemeinsame Schulzeit zurück und um so schmerzhafter ist es zu lesen wie schrecklich du dich oft gefühlt hast. Es tut mir sehr leid, dass ich nicht mitbekommen habe wie du dich quälst. Man könnte jetzt sagen, ich hatte meine eigenen Probleme, aber das wäre nur eine schlechte Ausrede.
    Ich finde es sehr bewundernswert wie du deinen Weg gegangen bist und ich bin extrem stolz deine Freundin sein zu dürfen. Du bist eine bemerkenswerte Frau und du wirst auch weiterhin deinen Weg gehen. Ich hoffe, ich kann dich dabei noch eine Weile begleiten. Auch wenn uns inzwischen einige Kilometer trennen.
    Ich drücke dich
    deine Stoffi 😉

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    1. Ach meine Liebe Stoffi! Wir alle hatten so viel mit uns zu tun – da konnten wir manches nicht wahrnehmen und aus Selbstschutz wurde vielleicht einiges übersehen. Mittlerweile kann ich mir auch vorstellen, wie erschreckend das damals alles gewirkt haben und wie hilflos man sich daneben gefühlt haben muss. Was zählt ist das hier und jetzt! Ich bin sehr dankbar das wir uns wieder gefunden haben und einander auf unseren wegen begleiten! Ich sende dir eine Umarmung ❤️ Deine Toni

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  3. Huhu liebe Antonia!

    Jetzt habe ich ganz lange überlegt, ob ich dir diese Zeilen schreiben sollte, aber ich hoffe, dass dir diese Worte vielleicht auch nochmal etwas helfen werden. Ich habe vorhin deinen Blogpost gelesen und muss ehrlich sagen, dass mir bei deinem Post auf Insta schon etwas mulmig war. Wir „kennen“ uns jetzt schon sehr lange und vor allem kenne ich deinen Weg durch die Schulzeit. Ich habe auch S. deinen Eintrag geschickt und wir sind uns einig, dass wir es bewundernswert finden wie du mit dieser Situation umgehst und wie aufrichtig und ehrlich deine Worte doch sind. Ich hoffe, dass du mit diesen Worten nicht nur dir sondern auch anderen helfen kannst.
    Doch worauf ich hinaus wollte ist, dass ich einen faden Beigeschmack hatte, nach dem Lesen und ich etwas überlegen musste, woran es liegt. Es sind weder deine Worte, noch der Inhalt der mir aufstößt, sondern das Gefühl, einen Beitrag zu dieser Situation geleistet zu haben. Auch darüber sprach ich mit S. und wir haben so bei uns gedacht, wie primitiv, kindisch unser Verhalten früher doch war. Dabei wärst du jemand gewesen, den man hätte bewundern sollen, denn du hattest damals schon so viel Courage und Mut, dass wir uns alle ein Stück von abschneiden hätten sollen. Du hast damals gesagt, dass beispielsweise Spast keine lustige Beleidigung ist, sondern eine Krankheit, die dein Bruder hat. Aber uns fehlte einfach die geistige Reife, damit in einem richtigen Maße mit umzugehen. Du hattest damals glaube mehr Persönlichkeit als wir alle zusammen. Leider haben wir es uns damals immer viel zu einfach gemacht, nichts gesagt und einfach mit gelacht.
    Wenn ich dann heute deine Zeilen lese wird mir ganz schwer ums Herz und wünschte, ich könnte der Pubertären Lilli eine Klaps auf den Hinterkopf geben und sagen, sie solle sich nicht das Recht rausnehmen über Menschen zu urteilen, denn niemand darf sich ein Urteil über einen anderen Menschen erlauben, egal ob man den Menschen glaubt zu kennen oder er einem nur durch ein paar Stunden die Woche bekannt ist.
    Mir tut es einfach leid, dass ich damals einfach gefühlt so oft Scheiße zu dir war und es nicht geschafft habe, mich fernab vom Mainstream verhalten der anderen zu bewegen und eigenständig gehandelt habe. Sicherlich, macht das auch alles nicht ungeschehen, aber du solltest wissen, dass es mir nicht egal ist.
    Ich wünsche dir wirklich alles erdenklich Gute für dich und deine Familie und hoffe, dass du dir deinen Mut und deine Stärke beibehältst und dich nicht entmutigen lässt.
    Viele können heute noch mehr als damals von dir lernen.

    Deine Lilli

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    1. Liebe Lilli,

      Es zeugt von Stärke und Größe, sich selbst so zu betrachten und einzugestehen, das man Fehler begangen hat. Und von emotionaler Reife und einfach ein guter Mensch zu sein, so etwas zu formulieren. Ich danke dir nochmals sehr für deine Zeilen! Ich war, bin, so gerührt davon.
      Deine Worte sind so lieb und wertschätzend. Das bedeutet mir viel. Hab vielen, vielen Dank.
      Und sei nicht so hart mit der pubertären Lilli! Wir alle machen Fehler.
      Ich drücke dich!

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  4. Liebe Antonia,
    Du hast meinen vollsten Respekt für diesen ehrlichen, aufrichtigen Post!
    Der Beitrag über mir macht mich fast schon sprachlos, weil Dir die Zeilen vielleicht viel bedeuten könnten.
    Mehr als PM!!
    Alles Liebe Stella

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    1. Liebe Stella,
      Vielen Dank für deine lieben Worte. Ich drücke dich und ja: der Beitrag über dir hat mich sehr berührt und positiv erschüttert. So etwas kommt nicht oft vor, dabei tut es so gut und versöhnt.
      Ich sende dir liebste Grüße!

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