GB Wochenbettfragebogen: Dem Baby nah und doch so fern

Am heutigen #wochenbettwednesday berichtet Jessica  von Gefühlen gegenüber ihrem Baby, die sicher nicht oft so geäußert werden. Ihr Wochenbett sollte ganz anders kommen, als sie es geplant und vor allem dringend gebraucht hätte. Ich finde, dass durch ihre Worte deutlich wird, wie wichtig es ist, dass der Partner (oder die Familie) die Bedürfnisse der Mama in dieser hoch sensiblen Zeit auf keinen Fall aus den Augen verlieren darf.
Liebe Jessica, ich danke dir nochmals für deine Offenheit und das Teilen deiner berührenden Geschichte. Ich wünsche dir von Herzen, dass du all das verarbeiten und irgendwann überwinden kannst.
Bei diesen Gastbeiträgen habt ihr natürlich die Möglichkeit, Fragen in den Kommentaren direkt an die jeweilige Mama zu stellen! Die Beiträge wurden von mir nicht (nach)bearbeitet. Die Posttitel werden gemeinsam gefunden.
 
Jessica innig mit ihrem Sohn
1. Stell dich den LeserInnen bitte kurz vor!
Ich bin Jessica, 28 Jahre alt und habe im April 2016 meinen ersten Sohn geboren. Er ist ein geplantes Wunschkind und erfüllt uns mit viel Stolz und Freude.
2. Woher stammst du/deine Familie? (Herkunft,Kulturkreis)
Wir kommen beide aus Deutschland und leben in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein, an der Grenze zu Hamburg.
3. Bist du religiös geprägt? Wenn ja, wie?
Nein, überhaupt nicht.
4. Von deiner wievielten Geburt berichtest du?
Unser Sohn war meine erste Geburt.
5. Spontangeburt oder Kaiserschnitt? Wo wurde dein Kind geboren (Krankenhaus, Geburtshaus, zu Hause)?
Spontangeburt. Leider zu spontan, wenn ich das so sagen darf. Ich hätte nie gedacht, dass er pünktlich am ET kommen würde, daher war ich psychisch nicht darauf vorbereitet.
Zum Glück hatten wir uns recht früh damit beschäftigt, wie wir unseren Sohn bekommen möchten. Geburtshaus oder eine Hausgeburt kam für uns für die erste Geburt einfach nicht in Frage. Was, wenn es dem Baby plötzlich schlecht geht? Deswegen legten wir auch Wert auf eine Babyintensivstation im gleichen Krankenhaus. Als wir dann zu einem Infoabend vor Ort waren und von Freunden auch nur positives hörten, war die Entscheidung auf dieses doch recht große Krankenhaus mit mind. 9 Geburten täglich gefallen. Letztlich die richtige Entscheidung. Unser Kind hatte zum Ende der Geburt Schwierigkeiten, sein Herzschlag fuhr Achterbahn, wie mir bei der Geburt von fünf plötzlich heranstürmenden Ärzten und Assistenten erklärt wurde. Für mich war es ein Schock. Ich verstand die Welt nicht mehr. Die Tränen liefen. Mein Verlobter und ich hatten Angst. Doch dank der Saugglocke und einiger Risse in meinem Unterleib, lag unser Sohn ganz plötzlich auf mir. Ein tolles Gefühl, was leider zu schnell ging.
6. Wie waren vor der Geburt deine Vorstellungen vom Wochenbett? Gab es überhaupt welche?
Eigentlich hatte ich das Glück, dass ich schon im Vorfeld eine Hebamme für die Vorsorge hatte. Sie erzählte mir, wie das Wochenbett am besten genutzt werden sollte. Kochen und Putzen macht der Partner oder die Familie und die Mama kümmert sich um ihr Baby. So der Plan, für mich! Dass am Ende alles anders kam, konnte ich nicht ahnen.
7. Gibt es in deinem Herkunftsland/deiner Religion dir bekannte Wochenbetttraditionen? Wie sehen sie aus?
Im Nachhinein, als mein Sohn schon ein paar Tage alt war, habe ich mich genauer mit dem Wochenbett auseinander gesetzt und teilweise gelesen, dass Frauen wirklich die ganze Wochenbettzeit nur im Bett liegen. Dies ist aber wirklich von Herkunft, Religion, aber auch von den Frauen selbst stark abhängig.
8. Wurde in deiner Familie über diese Zeit vor der Geburt gesprochen? Wurden Erfahrungen geteilt?
Ich habe nur meinem Verlobten meine Wünsche erzählt, u.a. dass ich die ersten zehn Tage keinen Besuch möchte. Eigentlich wollte ich auch in der Klinik nur meinen Verlobten und mein Baby um mich herum haben…
9. Wie waren deine tatsächlichen Wochenbetterfahrungen? Wie lange hast du es eingehalten?
Meine Wünsche wurden leider nicht respektiert. Sowohl mein Sohn als auch ich waren fix und fertig von der Geburt. Wir brauchten Ruhe. Doch schon fünf Stunden später stand die Familie meines Verlobten im Krankenhauszimmer. Sicherlich war es schön, ihre Freude zu sehen. Und auch meine Familie kam abends noch kurz vorbei. Im Nachhinein können wir sagen, es war falsch.
10. Welche Dinge haben dich überrascht oder beeindruckt? (Positive und negative Erlebnisse; Körperverfassung, Bindungsentwicklung, Emotionen, Verhalten anderer…)
Unser Sohn und ich waren noch nicht so weit. Und auch am nächsten Tag hatten wir kurz Besuch, erst als wir zuhause waren, dachte ich, jetzt dürfen wir zu Ruhe kommen und die Zeit zu dritt genießen.
Doch schon die erste Nacht zuhause, machte mir bewusst, dass die nächsten Wochen kein Zuckerschlecken werden. Aufgrund meiner Geburtsverletzungen konnte ich mich die ersten zwei Wochen überhaupt nicht um meinen Sohn kümmern – kein Wickeln, kein Anziehen, kein in den Schlaf tragen. Nicht mal das Stillen wollte funktionieren. Ich war verzweifelt. Mein Freund war es. Und wir beide waren einfach nur überfordert mit unseren Gefühlen, dabei wollten wir uns doch nur am Leben unseres Sohnes erfreuen.
Hinzu kam, dass das Umfeld meinen Wunsch nach Ruhe nicht respektierte und die Besuche auch zuhause weitergingen. So sah zum Beispiel meine Schwiegermutter den Kleinen innerhalb der ersten sechs Lebenstage vier Mal. Dabei ging es weniger darum, uns zu unterstützen, als das neue Familienmitglied zu sehen. Immer wieder sagte ich meinem Partner, dass ich das nicht möchte, dass wir drei uns doch erstmal kennenlernen müssen. Doch der Papa meines Sohnes war so stolz auf das, was wir geleistet haben, und wollte es schon jetzt zu diesem frühen Zeitpunkt Gott und der Welt zeigen. Verständlich, aber nicht gut für Mutter und Kind.
Die Schwere der Geburt brachte nämlich die Folge mit sich, dass mein Sohn und ich sehr distanziert zueinander waren. Dies verstärkte sich die ersten Wochen, da ich – wie oben beschrieben – einfach nicht in der Lage war, Mama zu sein. Mir tat das Herz weh und ich spürte, wie ich langsam dem Babyblues verfiel.
Dank meiner Hebamme gab ich zumindest das Stillen, trotz starker Schmerzen, nicht auf. Wir – mein Baby und ich – testeten uns durch, bis wir Möglichkeiten fanden, die vorerst für uns beide in Ordnung waren. Wir stillen immer noch – ich bin glücklich darüber, diese schwierige Phase gemeistert zu haben, sie hat dazu beigetragen, eine bessere Bindung zu meinem Sohn aufzubauen.
Mit unserem Sohn waren wir anfangs dann auch bei einer Osteopathin, um Blockaden zu lösen. Letztlich half es mir wahrscheinlich mehr als meinem Sohn. Ich fühlte mich verstanden und ernst genommen, gleichzeitig verletzte es mich zu hören, dass man eindeutig merke, wie distanziert Mutter und Kind seien. Das tat und tut noch heute unglaublich weh. Aber nur durch das offene Gespräch zogen mein Verlobter und ich wieder an einem Strang und kümmern uns seitdem vorerst um uns drei. Wir gehen in allererster Linie auf die Bedürfnisse unseres Sohnes ein, danach kommen wir.
11. Was hättest du dir anders gewünscht? Was würdest du jetzt anders machen?
Die Bindung zu meinem Sohn wird wohl nie bei 100 % sein. Noch jetzt sage (und meine) ich häufig, dass unser Sohn den Papa als Mama ansieht. Teilweise fühle ich mich im familiären Umfeld nicht als Mama anerkannt und habe das Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen. Alles Folgen der Nichtbeachtung meines Wochenbetts.
Ich hätte mir gewünscht, dass mein Verlobter von Anfang auf meiner Seite gestanden hätte, dass er meine Meinung vertreten hätte und dass meine Wünsche respektiert worden wären.
Wir haben viel über die Anfangsphase gesprochen und sind uns einig, dass bei einer nächsten Geburt, wir uns die Ruhe und Zeit nehmen, die wir brauchen. Die Bedürfnisse unserer kleinen Familie soll im Fokus stehen, nicht die des Umfeldes!
12. Kannst du deine Wochenbetterfahrungen zu einem älteren Kind vergleichen? Wenn ja, welche
Gemeinsamkeiten und Unterschiede gab es?
Nein.
13. Was möchtest du anderen Mamas sagen, vielleicht sogar zum Thema Wochenbett raten?
Nehmt euch das, was ihr braucht! Hört auf euer Bauchgefühl! Setzt euch durch!
Ich weiß, dass man nach einer Geburt kaum Kraft hat, aber setzt alles daran, dass eure Wünsche umgesetzt werden. Wenn es Streit mit dem Partner geben sollte, dann ist das so! Er wird es irgendwann verstehen.

 

Die einen werden die Unterstützung ihrer Familie brauchen, die anderen ihre Ruhe. Macht es so, wie es für Mutter und Kind am besten ist!

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