Mutter werden, Mutter sein. Die Bitte einer jungen Mama

Lange war es hier still. Manchmal fehlen Themen, Motivation oder einfach die Zeit. Bei uns war viel zu tun und es ist einiges passiert. Unser Baby wurde 6 Monate – ein besonderer Meilenstein. Sie krabbelt seit zwei Wochen neugierig durch unsere Wohnung und erkundet alles mit Händen und Mund. Sie will sich die Welt aneignen und begreifen. Wir beobachten sie, unterstützen sie, gehen mit ihr ihren Weg und ihr Tempo.
Und das wünsche ich mir auch von Menschen, die uns sehen, erleben oder von der Ferne beobachten. Das man einander den eigenen Weg und das eigene Tempo lässt.
Liebe. Liebe. Liebe.
In letzter Zeit gab es auf vielen Blogs Beiträge zu den Themen Eltern sein, leben und leben lassen, Toleranz und Akzeptanz unter Eltern. Einige haben sich dafür ausgesprochen, andere klagten dies an. Im täglichen Zusammensein und Austausch erlebe ich immer wieder die aktive und passive Auseinandersetzung mit anderen Eltern und deren „Stilen“. Da wird einander beäugt, man beobachtet die anderen mit ihren Kindern (Wie wird sich wann verhalten? Wie wird mit dem Baby umgegangen?), es wird dann oft diskutiert, (gefühlt) noch öfter bewertet und manchmal verurteilt. Es wird über einen Kamm geschoren, in Schubladen gesteckt und sich in Gruppen zusammen gerauft. Letzteres ist, glaube ich, natürlich und nützlich.
Wer Gemeinsamkeiten entdeckt, kann miteinander darin aufgehen und ein Stück des Lebensweges zusammen beschreiten. Aber jemanden in eine Schublade zu stecken ist schwierig: Es gibt überzeugte Tragemamas, die das Stillen ablehnen genauso wie sehr streng wirkende Eltern, die alle im Familienbett schlafen. Diskussion und Austausch sind wichtig: Oft fällt es (auch mir) schwer von sich und seinen Gedanken einen Schritt zurück zu treten und die eigene Meinung bzw. eine Gegebenheit mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Selbstreflexion ist etwas, das schwer ist und geübt werden muss.

Aber Be- und Verurteilungen? Über einen Kamm scheren? Oder Bevormundungen?
Solche Sachen machen mich müde, scheu und traurig. Denn: Ich bin immer noch im Begriff eine Mama zu werden. Einige denken jetzt bestimmt: „Hä? Das Baby ist doch schon da! Du bist doch Mutter.“ Natürlich ist man dann Mama – aber ist man nicht auch schon Mama, wenn man ein Kind empfängt und es zehn Monate im eigenen Leib unter seinem Herzen trägt? Hat man nicht dann schon Verantwortung für das Kindlein? Spürt man nicht schon eine tiefe Liebe und schenkt dem Baby Zärtlichkeiten, spricht mit ihm und -sind wir ehrlich- verzweifelt auch manchmal? (Leberhaken u.a. sind echt fies.)
Dann kommt das Baby – die Geburt ist eine unglaubliche Erfahrung und auf einmal, ganz plötzlich, hat man ein Baby auf der Brust liegen. Ein kleines, hilfloses Wesen und man ist selbst gerade so klein, ehrfürchtig und von Hormonen geflutet. Und ja: Es geschieht plötzlich und verändert auf einmal alles, auch wenn der Alltag dann so ist, als sei es nie anders gewesen.
Jetzt wächst man also nicht mehr am Bauch, sondern im Inneren. Mit dem Kinde gemeinsam. Mit dem Partner. Man wächst in die Rolle Mutter hinein und verändert sich. Einiges passiert unbewusst und automatisch. Mit anderen Dingen setzt man sich aktiv auseinander. Man wirft Vorhaben über Bord, sieht manches anders, als noch vor einiger Zeit (beispielsweise ist rosa doch verdammt süß am eigenen Baby!) und ändert auch Meinungen. Das ist normal und legitim. Und ich behaupte auch wichtig. Denn es ist Entwicklung, Weiterentwicklung und persönliches Wachsen.
Gemeinsam die Welt, einander und sich selbst (neu) entdecken.
Ich empfinde es also so: Ich werde  immer noch Mama, genauso wie ich jeden Tag älter werde. Und ich wünsche mir, dass das andere auch so sehen und vor allem akzeptieren und respektieren. Die Entwicklung akzeptieren müssen alle Menschen. Wenn ich beispielsweise entscheide den glücklich gekauften Kinderwagen doch wieder zu verkaufen, da er -entgegen unserer Erwartung- doch mittlerweile gar nicht mehr genutzt wird. Es ist eine Entscheidung, die von uns getroffen wird. Wenn sie es respektieren -also wohlwollend betrachten – könnte man auch anstatt:“Dannhätte der gar nicht so teuer sein müssen!“ einfach sagen: „Wie schön das ihr euren Weg gefunden habt und das Tragen alle drei so liebt!“. Das klingt nicht nur viel schöner, es fühlt sich auch viel besser an. Es fordert nämlich keine Rechtfertigung ein, sondert wertschätzt ungemein. Ausserdem stärkt es mich in meiner Rolle als Mama und stärkt mich in meinem Instinkt. Mein Gefühl, das mir sagt was für mich und unser Baby genau richtig zu sein scheint. Und dieses Gefühl muss ich mit niemandem abgleichen ausser mit meinem Partner. Denn der sitzt im selben Boot (oder schläft mit uns im Familienbett).
Ich habe also die Bitte: Beurteilt nicht mich und mein Tun. Verurteilt mich nicht. Und vor allem: Lasst mir mein Vertrauen in mich und mein Kind. Stärkt es und macht es nicht zu Nichte. Akzeptiert mein Tempo und versucht nicht mich zu beschleunigen. Oder zu bremsen. (Ausser das Baby leidet darunter oder könnte einen Schaden davon tragen, das setze ich immer voraus!) Lasst uns unseren Weg gehen, den wir als Familie gefunden haben. Denn für euch muss er nicht richtig sein, genauso wie euer Weg für uns nicht stimmen muss.
Ich habe gelernt und mir angenommen, dass unterschiedliche Mamas unterschiedliche Wege haben. Und die sind gut so wie sie sind. Das erleichtert mir oft den Alltag, den ich früher noch mit Gedanken wie: „Oh mein Gott wie kann sie das nur tun!“ bestückt habe. Wenn jemand für sich und sein Kind entscheidet nicht zu stillen, dann ist das genauso okay wie ich entscheide, so lange wie möglich voll zu stillen. Wenn jemand nicht tragen möchte oder kann, ist das genauso okay wie für uns als Känguruhs zu leben. Natürlich kann man darüber sprechen – über Beweggründe, Motivation und Absichten. Das ist sehr oft interessant, manchmal bewirkt es etwas bei mir oder ich bewirke etwas bei jemand anderem. Und wenn man genau zuhört, kann man manchmal sogar verstehen. Vor allem verstehen, dass jede Mama ihr eigenes Tempo hat.
Ich bitte euch andere Wege und Meinungen nicht als Grund zu nehmen ausfallend oder bösartig zu werden. Dies geschieht insbesondere immer wieder mit der gefühlten Sicherheit der Anonymität im Internet oder mit dem Bildschirm zwischen den Menschen. Da werden auch gerne Dinge (scheinbar) absichtlich dramatisiert oder aus dem Zusammenhang gerissen. Das finde ich einfach nicht okay, und hat mich oft überlegen lassen „Möchte ich das hier noch tun? Möchte ich noch intimste Momente teilen?“. Und ja: Es gibt viele Menschen, die -trotz einer anderen Sicht auf die Dinge- liebevoll mit einem umgehen, mit denen man sich wundervoll austauschen kann und neben Differenzen sogar Gemeinsamkeiten entdecken kann. Man kann einander auch mit Rat und Tat zur Seite stehen, ohne zu bevormunden. Der Ton macht oft die Musik (was geschrieben sehr viel schwerer ist als gesprochen) und ich persönlich finde Empathie ganz, ganz wichtig.
Unsere wunderbare Trageberaterin hat einmal folgenden Satz gesagt, den ich mir sehr angenommen habe: „Ich gehe davon aus, dass jede Mama nur das Beste für ihr Kind will.“ Und das stimmt. Manche Mamas brauchen die Bestärkung ihrer Wege und andere Unterstützung und Hilfe in der Ausarbeitung und Findung ihrer Kompetenzen. Doch sie sind alle eines: Ihren Kindern in Liebe zugewandt und befinden sich alle auf ihrer eigenen Reise, um Tag für Tag eine gefestigtere Mama für ihre Kinder (und sich selbst, denn manchmal braucht man -vor allem im Netz- ein dickes Fell) zu werden.

 

Herzlichst, eure Fräulein Tandaradei

2 Kommentare zu „Mutter werden, Mutter sein. Die Bitte einer jungen Mama

  1. Wie wunderbar geschrieben und so voller Wahrheiten! Inzwischen glaube ich – ohne zu urteilen, dass viele Mütter einfach den eigenen Instinkt auf stumm stellen, weil es einfach so viele Stimmen drum herum gibt, die meinen zu wissen was gut für das eigene Kind ist. Meistens spürt man dennoch, was eben im Baby vorgeht. Auch wenn Anregungen von außen grundsätzlich auch gut sind. Dank für diesen schönen Text 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s