Der Geburtsbericht – Wunderschöne Spontangeburt

Hach ihr Lieben, nun möchte ich endlich dazu kommen über unsere Geburt zu schreiben. Ich sage unsere Geburt, weil sowohl mein Mann, ich als vor allem unsere Tochter eine Geburt erlebt haben: Am 13.02.2016 sind wir Eltern geworden und unsere Greta kam in diesem Leben an. Ich versuche dieses wundervolle Ereignis hier nun nochmal zusammen zu fassen. Zwei Wochen danach (mittlerweile ist es 3 Wochen her) ist das gar nicht mehr so leicht, aber früher kam ich einfach nicht von meinem Baby weg und an den PC ran.

„Da werden Hände sein, die dich tragen
und Arme, in denen du sicher bist,
und Menschen die dir ohne Fragen zeigen,
dass du willkommen bist.“

Das dauert noch fünf Jahre!
Am 12.02.16 um die Mittagszeit glaube ich noch „Sie wird bestimmt noch fünf Jahre dort bleiben!“, denn am Tag davor war auf dem CTG nichts zu sehen und auch sonst gab es keinerlei Anzeichen, dass es so bald losgehen würde. Wir schnappen die Hunde und machen eine große Runde. Hier sage ich: „Ach, es wäre perfekt wenn sie jetzt kommt: Die Hunde konnten nochmal ordentlich toben und die Geburtstage in der Familie sind auch so gut wie vorbei.“ Mein Mann meint: „Ja und am Wochenende müssen wir keine Parkgebühren beim Geburtshaus bezahlen.“ (Ganz romantischer Kommentar also ;)) Zu dem haben wir die erste große Trauer eines Todesfalls verarbeitet und sind emotional frei(er) und bereit für die Geburt. Und so sollte es sein. Am Nachmittag schlafe ich nochmal zwei Stunden und fühle mich richtig erholt, mein Körper weiß also was da kommt und sammelt die notwendige Kraft. Wir können essen und machen uns um 20 Uhr zu unserer letzten täglichen Gassirunde und hier beginnt es im Unterleib zu ziehen und zu drücken.

Es geht los…!

Okay, dieses Ziehen hatte ich bereits öfter. Immer mal senkte sich die Maus also nach unten (im Nachhinein weiß ich, dass diese regelartigen Schmerzen im Unterleib die Senkwehen waren). Als es gegen 20:40 Uhr nicht aufhört, schrieb ich einer Freundin, die vor einiger Zeit selbst ihr zweites Baby bekommen hat. Sie muss ja Rat wissen: „Kann es sein, das es losgeht? Wie waren die Wehenschmerzen bei dir?“. Sie rät uns ein Protokoll zu führen um die Abstände der Schmerzen vor Augen zu haben. Mein Mann schreibt also fleißig auf und wir merkten: Alle zehn bis spätestens fünfzehn Minuten tut sich etwas. Die erste Aufregung macht sich breit. Auch wenn wir noch nicht recht glauben wollen, dass es jetzt losgeht, laufe ich nervös in der Wohnung herum und langsam beginnt sich die Anspannung auch auf alle anderen zu übertragen. Aber ich kann nicht still sitzen. Ich muss laufen, mein Körper und mein Verstand sagen mir: Lauf, bleib in Bewegung!
21:18 Uhr Oha – langsam passiert da etwas Intensiveres in meinem Unterleib und das wiederholt sich nun knapp alle zwanzig Minuten. Auf einmal wissen wir: Da ist etwas im Gange. Aber daran denken, dass wir uns nahe an der Geburt befinden – nein, das begreifen wir noch nicht. Mein Mann holt die Schwangerschaftsbücher und die Notizen aus dem Geburtsvorbereitungskurs und beginnt nochmal nachzulesen, welche Abstände die Wehen in welcher Intensität haben „müssen“, damit es wirklich losgeht. Nachdem ich mich an die intensiveren Senk- oder Vorwehen gewöhnt habe, beschließen wir ins Bett zu gehen. Ich denke es ist besser nochmal Schlaf zu tanken, bevor ich nie, nie wieder Schlaf bekomme. Denn das sagen alle Eltern ja immer: Schlaf gibt es mit Baby erst einmal nicht mehr. Naja, die Idee war vielleicht gut. Die Umsetzung eher schwierig, denn im Liegen geht es richtig los.
22:44 Uhr überrascht mich dann die erste Eröffnungswehe (Es muss eine Eröffnungswehe sein, denn der Schmerz ist so anders, neu und überwältigend dass ich mir im Nachhinein ziemlich sicher bin). Oh Gott tut das weh! So gut es geht rappele ich mich aus dem Bett auf und versuche zu laufen. Fehlanzeige. Absolute Fehlanzeige. Atmen, atmen und „Ruf sie aaaaaannn!!“ presse ich hervor. „Soll ich die Hebamme anrufen oder willst du das machen?!“. Okay. Wie gut dass man während einer Wehe weder eine Axt schwingen noch ein Messer werfen kann. Für einen bösen Blick reicht es jedoch allemal: Diese Frage kann nicht sein Ernst sein. Ich fauche also „DU!“ zurück und komme nach einigen schmerzhaften Schritten bei unserem hohen Flurschrank an, halte mich daran fest und beginne die Hüften zu kreisen und dabei weiter und bereits lauter zu atmen. Das tut gut – dieser Schrank ist ab sofort mein neues Lieblingsmöbel daheim. Die Hebamme sagt am Telefon: „Na das klingt gut was ich da höre – ich bin gleich da!“. Im Nachhinein betrachtet war der Schmerz nicht so schlimm, die Art und Weise wie er plötzlich kam, überraschte mich nur einfach total. Die Hunde werden nun auch nervös, sie tun mir leid. Vor allem der Große läuft hinter mir her, stellt sich neben mich und schaut mich nervös an. „Was passierte denn hier mit dir?“ Er tut mir so leid und trösten kann ich ihn nicht. Ich bin so dankbar, dass wir uns für eine Geburt im Geburtshaus und gegen eine daheim entschieden haben. Denn genau diese Hilflosigkeit in seinen Augen wollte ich nicht sehen. Diese erste „böse Wehe“ dauert fast drei Minuten. Bis unsere Hebamme kommt, vergeht keine halbe Stunde und doch ist es wie eine Ewigkeit für mich. Ich will eine professionelle Meinung und Unterstützung haben. Mein Mann reibt mir schon den Rücken und tigert hinter mir her. Soll es jetzt wirklich losgehen? Oder zieht sich das jetzt über mehrere Tage? Ich schiebe diesen Gedanken weg, atme tief durch und lasse mich zu einem „Befreiungsatmen“ von meinem Mann überreden. Ach das tut gut – wie toll, dass er so gut im Kurs aufgepasst hat.
Die Rettung naht – oder auch nicht
23:15 Uhr – Ankunft Hebamme. Oh sie ist endlich da! Meine Retterin! Meine Hilfe! Meine lieb gewonnene Seele, die sicher sofort sagt „Ab ins Geburtshaus das Baby kommt“! Als sie da ist, kommt natürlich keine einzige Wehe. Hallo? Was soll das denn? Ich versichere ihr mehrfach, das da gerade etwas ganz großes im Gange war (was ich natürlich nicht brauche, aber es beruhigt mich). Also sprechen wir erstmal und sie schaut nach den Herztönen unserer Tochter. Das Herz pocht fein und regelmäßig, es tut gut das zu hören. Sie legt die Hände auf meinen Bauch. Er ist zwar hart aber spannt nicht. So bleiben wir stehen und ich beschreibe so gut es geht dieses mensartige Ziehen im Unterleib und mein Mann zeigt (stolz) seine Liste vor. Ich tigere weiter herum und frage: „Glaubst du es geht los? Was denkst du wie lange dauert es noch? Was können wir jetzt machen? Kommt sie jetzt am Wochenende?“. Ich erzähle vom Tod in der Familie, von der emotionalen Last die damit irgendwie abgefallen ist, denn nun können sich die Ereignisse Leben und Tod nicht mehr überschneiden und vor allem konnte mein Mann Abschied nehmen. Das alles kann Einfluss darauf haben meint sie, aber sicher sagen ob und wann es los geht, das kann sie nicht. Wir fragen, wie wir weiter machen sollen bzw. können. In die Wanne gehen solle ich nicht – die Wehen kommen noch in zu langen Abständen und sollen nicht „verschreckt“ werden. Das ist okay, ich glaube eh dass mein Kreislauf mir eine warme Wanne jetzt übel nehmen würde. Die Hebamme bietet an nach dem Muttermund zu gucken – Gott sei Dank. So habe ich das Gefühl das etwas, irgendetwas passiert. Das tut sie also und die frohe Botschaft lautet: 2cm und ein Köpfchen, dass sich noch etwas wegschieben lässt. Die Fruchtblase ist noch nicht prall. Die Lagebesprechung ergibt: Wir alle sollen versuchen zu schlafen und noch abzuwarten. Ins Geburtshaus müssen wir noch nicht, dafür ist es zu früh und vielleicht verschwinden die Wehen auch wieder. Egal was jetzt in den nächsten Minuten oder Stunden passiert, wir können und sollen anrufen, sobald wir sie brauchen. Sie gibt mir noch zwei Baldrian Pastillen, damit ich etwas entspannen kann. Dann sagt sie noch: „Du wächst mit den Wehen mit.“ und damit hat sie recht und in dieser Situation tut es sehr gut so etwas zu hören. Ob und wann die Kleine kommt, kann man eben noch nicht sagen. Hmpf. Okay, also wieder hinlegen und versuchen zu schlafen. Tief in uns wissen wir, dass wir bald unser Baby in den Armen halten dürfen – ob es noch heute Nacht losgehen oder sich bis zur nächsten hinziehen wird, wissen wir nicht. Meiner Freundin schreibe ich „Ja wir versuchen Ruhe und Kraft zu tanken bevor es richtig los geht. Wow. Greta kommt <3.“
23:46 Uhr kommt die nächste „böse Wehe“. Wieder schaffe ich es nur knapp zu meinem Schrank im Flur, an den ich mich hängen und die Hüften kreisen kann. Atmen. Kreisen. Atmen. Kreisen. Nach knapp einer Minute ist der Spuk vorbei. Gut soweit, das hab ich doch gut hinbekommen, also wieder hinlegen. Gerade so ins Bett gewuchtet merke ich, dass das keine gute Idee war. Bis zum Schrank schaffe ich es diesmal nicht. Die Tür hilft auch, wenn auch nicht so gut. Mein Mann liegt weiter im Bett, schaut mich an, flüstert „Oh Gott oh Gott“ und schreibt weiter die Wehen auf. Ich sehe ihm an, dass er nun endgültig begreift was hier vor sich geht. Und langsam aber sicher begreife ich es auch: Sie kommt wirklich und das scheinbar so flott wie erhofft. Aber richtig begreifen kann ich es erst einige Stunden später, als ein kleines Mädchen in meinen Armen liegt. Nun ist der Abstand zwischen den einzelnen Wehen bei manchmal zehn, manchmal fünf oder drei Minuten und sie bleiben ähnlich intensiv. Mittlerweile habe ich mich an dieses starke Ziehen gewöhnt und verlange nach Wasser und einem Erdbeertoast. Irgendwann denke ich „Ich schaffe das. Ich schaffe das gut…aber wird es noch viel schlimmer werden?“
Gegen 1 Uhr sagt mein Mann: „Vielleicht halten wir bis zwei oder drei Uhr durch ohne die Hebamme zu rufen!“. Ich schaue ihn nur ungläubig an, während ich weiter an dem Schrank stehe und diesen auch nicht mehr verlasse. Ich tigere von der Küche durch den Flur und zurück, immer in der Nähe vom Schuhschrank. Jedes Mal, wenn eine Wehe vorbei ist, atme ich tief durch, lasse die Schultern fallen (die Leiterin des Vorbereitungskurses wäre sicher stolz auf mich!) und denke „Unser Baby kommt jedes Mal ein Stück näher.“. Mittlerweile muss Adrenalin durch meinen Körper gepumpt werden, denn mehr als den Schmerz und der Überraschung vor eben diesem verspüre ich eine neugierige, aufgeregte Erregung. Natürlich zieht, drückt und schmerzt es weiterhin. Aber das wusste ich ja und ich versuche den Schmerz anzunehmen und mit ihm zu arbeiten – und es gelingt mir tatsächlich noch sehr gut. Ich bin kurz stolz auf mich, denn ich schaffe es wirklich meine positive Einstellung zu diesem Ereignis zu halten.
Zahnschmerzen sind schlimmer
 
1:36 Uhr die nächste heftige Wehe – ich muss atmen, stöhnen und „fffffffff“ wird langsam zu einem angestrengteren „ooooohhhhhh“ und ich kann nur den Namen unserer Hebamme hervor bringen, die mein Mann auch gleich anruft. Die Hunde haben sich verzogen. „Meine armen Babys“ denke ich.
Gegen 2 Uhr: Ich schaffe es, als die Hebamme kommt die Hunde mit Keksen zu belohnen und werde nur ungläubig angeschaut und höre „Ne du bist schon eine Nummer!“ Die Herztöne unseres Babys sind weiterhin gut und ich kann nun einige Wehen präsentieren. Unsere Hebamme reibt mir den Rücken und legt die Hände auf meinen Bauch „Das fühlt sich gut an!“ und wir beschließen uns jetzt fürs Geburtshaus fertig zu machen. Gott sei Dank – denn noch länger möchte ich mein Gestöhne weder den Hunden, noch den Nachbarn zumuten und ich bilde mir ein, dass wir mit der Fahrt ins Geburtshaus unserem Baby gleich ein riesen Stück näher kommen. Auf jeden Fall weiß ich: Die letzte Fahrt ohne Baby in der Autoschale steht an. Mein Mann geht mit den Hunden nochmal eine Runde, während die Hebamme bei mir bleibt und ich wieder versuche ihr den Schmerz zu erklären. Gemeinsam veratmen wir verarbeiten die Wehen. Ich sehe diese immer noch als Freund und nicht als Feind an. Wir sind uns einig, dass Zahnschmerzen schlimmer sind. Also die Zahnschmerzen, die vor einer Wurzelbehandlung zu spüren sind, wenn der Zahn schon fast raus fällt und alles bis auf die Nerven blank liegt. Sicher gehe ich sofort an die Sprossenwand wenn wir im vor Ort sind, witzelt sie herum. Ich bin absolut ihrer Meinung, auch wenn ich mir das davor nie hab vorstellen können.
Sie untersucht nochmal den Muttermund und wir sind nun bei 5 cm, einem nicht mehr weg schiebbaren Kopf und einer prall spürbaren Fruchtblase. „Das klingt doch super!“ freut sie sich und meine Nervosität ist nun fast vollkommen freudiger Erwartung gewichen. Ich stöhne und freue mich auch und taumle zurück zu meinem Schrank, während sie die Zweithebamme anruft und zum Geburtshaus bestellt. Das Team formiert sich: Projekt Baby befindet sich in der unausweichlichen Endphase. Habe ich nicht gerade erst den positiven Test in der Hand gehabt? Sobald mein Mann wieder da ist, er die Hunde weggesperrt hat und die Sachen ins Auto packt, macht sich die Hebamme los, um im Geburtshaus alles vorzubereiten. Ich bin kurz allein, während das Auto beladen wird und veratme fleißig weiter meine immer stärker werdenden Wehen. Zuvor hatte ich meine Freundin noch gefragt: „Was ist das schlimmste?“ und sie meinte: „Die letzten Eröffnungswehen waren für mich am schlimmsten.“. Das kann ich am Ende bestätigen.
2:37 Uhr Schreibe ich meiner Freundin nochmal: „5 cm offen wir fahren hin“.
Es geht los
„Zieh bitte die Hose an!“ „Neiiiiiiiin uuuuuhhhhhh“. Blöde Hose – lass die blöde Hose und fahr mich dahin, verdammt! In meiner Schlafanzughose komme ich immerhin auch gut dort an. Auch wenn mein Mann es nur gut meint, setze ich mich durch. In eine andere Hose zu steigen schaffe ich jetzt nicht. Ich möchte nur noch los und denke daran, dass hoffentlich nicht im Auto die Fruchtblase platzt. Und im Auto mein Baby kriegen will ich auch nicht. Ich möchte nun einfach nur dorthin und „die Sache“ zu Ende bringen und an meinem Baby schnuppern.
2:45 Uhr Entgegen unserer Erwartung finden wir sofort einen Parkplatz vor dem Ort des Geschehens und ich taumle zum Eingang rüber. Mein Mann kommt mit unserer Tasche, Babyschale und Proviantbeutel hinterher. Die Hebamme öffnet uns die Tür und ich atme mich die Treppen hoch und den Weg zur Sprossenwand hin. Einen kurzen Wehenzwischenstopp an einem Schrank im Flur muss ich einlegen. Mittlerweile sind mein Mann und ich gefasst und ruhig und ich arbeite die Wehen an der Sprossenwand ab, während er mir aus den Sachen raus und ins Geburtsoutfit hinein hilft und mit der Hebamme das Bett bezieht. Ich bekomme etwas zu trinken und verlange nach Traubenzucker, weil langsam meine Beine zittern und ich meine dass ich meine Kraft verliere. Die Hebamme legt das CTG an und es ist weiterhin gut. Ich verlange nach einem Radio und wir hören ein paar Oldies. Unter mich werden zwei Yogamatten gelegt. Mir wird von ihr der Rücken gestreichelt, was unheimlich gut tut. Ich errate „Eine umgekippte 8!“ „Ja, das Unendlich Zeichen“ erwidert die Hebamme. Ich meine nur: „Na hoffentlich steht das nicht für unendliche Schmerzen“. Wir lachen beide und ich singe in den Wehenpausen mit und schaffe es ein wenig zu tanzen, was Erleichterung verschafft. Wie gut, dass das CTG im Stehen bzw. Laufen geschrieben werden kann. Das letzte was ich jetzt möchte ist mich hinzulegen. Es ist mittlerweile nach 3. Und mir wird schlecht. Richtig schlecht. Mein Mann streichelt mich und ich fauche ihn kurz an, dass das zu viel ist. Er nimmt die Hände weg und hält mich einfach an der Hüfte und ich entschuldige mich kurz. Laut ihm bleibt es dabei und ich bin während der nächsten Zeit eine sehr liebe Gebärende. Na sowas hört man doch gern!
Die heiße Phase beginnt – und mir vergeht die Lust
3:05 Uhr: Start Brechwehen. Davon hatte ich noch nicht gehört und das finde ich absolut unnötig und nicht witzig. Langsam macht es auch keinen Spaß mehr – ich kann keine Witze mehr machen und breche mehrfach und bekomme einen Stuhl unter den Po geschoben, damit ich mich setzen kann. Meine Beine zittern wie Espenlaub und mir ist richtig elend. (Es ist leider generell so, dass ich es absolut nicht vertrage, wenn ich mich übergeben muss. Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg und mir geht es dann meist einige Tage richtig, richtig schlecht). Die zweite Hebamme kommt und stellt sich kurz vor, ich bekomme es nicht ganz mit, weil mir so schlecht ist und ich zwischen den Brechwehen noch versuche herum zu tanzen. Sie fragen mich, ob ich in die Wanne möchte. „Ja, warum nicht.“ und sie lassen die Wanne ein. Ich breche noch ein paar Mal und bleibe sitzen. An die Wanne denke ich nicht mehr. Mittlerweile ist aus meinem „ooooohhhhh“ auch ab und zu ein Schmerzschrei geworden. „Ich mag nicht mehr“ stöhne ich. „Ja, jetzt macht es keinen Spaß mehr.“ entgegnet meine Hebamme, die auf dem Bett sitzt und auf das CTG schaut. Sie bekommt bei der Art meiner Laute spitze Ohren und vermutet, dass Greta sich nicht richtig in das Becken eingedreht hat mit ihrem Kopf und somit auf die Symphyse drückt. Sie will es untersuchen, ich soll mich kurz hinlegen. Für mich ist es jetzt okay – kurz hinlegen klingt nun doch gut. Die Untersuchung ergibt: fast 9 cm geöffneter Muttermund – in einer Stunde habe ich scheinbar fast 4 cm geschafft. Wow. Mein Körper würde mich mehr faszinieren, wenn er mich nicht so quälen würde. Aber es ist nun unumstreitbar: Bald wird unser Baby da sein! Die Fruchtblase ist weiter richtig prall. Ich habe im Kopf, dass mir gesagt wurde, dass das Baby schnell kommt, sobald die Fruchtblase geplatzt ist.
Die Vermutung der Hebamme bestätigt sich: Das Köpfchen ist nicht richtig eingedreht und braucht Hilfe. „Antonia, du machst jetzt drei bis vier Wehen auf der linken Seite im Bett, damit sich das Köpfchen eindrehen kann!“. Okay. Linke Seite, mein Mann schiebt mich rüber und liegt hinter mir, ganz eng bei mir. Er hält meine Hände, ich kralle mich teilweise in ihm. Aber am Ende wird er keinerlei Spuren davon getragen haben. Mittlerweile tut dieser Druck von Gretas Kopf richtig, richtig weh. Und damit meine ich richtig. Ich winkle ein Bein an und die Hebamme schaukelt an meinem Po, während die andere mir Gegendruck für mein angewinkeltes Bein gibt, ich mich in meinem Mann verkralle und bei jeder Wehe schreie. Und auf einmal ist es nach dem Schunkeln, rütteln und drücken besser. Ich kann anders atmen und muss nicht mehr wie ein abgestochenes Schwein schreien. „Wie lange dauert es jetzt noch?“. Die Hebamme schaut mich an und möchte eigentlich keine Aussage treffen, denn sie ist ja keine Hellseherin, doch lässt sie sich zu einem „zwischen einer und drei Stunden.“ hinreißen. Mein Zeitgefühl habe ich völlig verloren. Ich weiß nicht wie spät es ist, wie lange wir bereits hier sind oder wie lange die Geburt bisher dauert.
Ich beginne zu pressen. Und bekomme nicht mit, dass die zwei Frauen sich Blicke zuwerfen und aufgeregt umher laufen. Die Herztöne sind nicht mehr zu finden, ich soll mich auf den Rücken legen. Nein, nein stöhne ich und doch drehen sie mich zu dritt um. Die Herztöne sind wieder auffindbar aber schlechter, schwächer. Mein Mann bekommt es nur am Rand mit, ich liege wie ein Käfer auf dem Rücken ganz eng bei ihm, fest in seinen Armen und presse und stöhne weiter. Alles ist so eng, so intim und vertraut, dass ich mich völlig in seine Arme fallen lasse. Ich genieße es so sehr ihn bei mir zu haben und bin dankbar, dass er bei mir, bei uns ist und so tatkräftig hilft.
PLATSCH. Wie eine Wasserbombe platzt meine Fruchtblase – ich sehe wie das Wasser in alle Richtungen spritzt, als hätte jemand einen Eimer Wasser aus mir raus gekippt. Ich denke „Geschafft. Jetzt ist gleich mein Baby da!“. „Möchtest du dich auf den Geburtshocker setzen?“ werde ich gefragt. „Nein, nein!“ Wie kommen die denn jetzt darauf, dass ich woanders hin will? Ich hab keine Kraft mehr um aufzustehen und will tief in den Armen meines Mannes bleiben. Ich arbeite weiter und will meine Position nicht nochmal verändern. Ich spüre, dass ich mich meinem, unserem Baby nähere. Mein Mann hält mich fest und mir fällt auf, dass er die Atemübungen macht die wir gelernt haben. Ich glaube er ist fix und fertig und dann merke ich nur noch, wie sehr es spannt und zieht und erschrecke kurz vor diesem neuen Schmerz. Es zieht und spannt unheimlich, kurz höre ich auf mit allem und muss mich kurz an diesen neuen Schmerz gewöhnen, der so anders ist. „Da ist das Köpfchen!“ ruft meine Hebamme und in dieser Stimme liegt so viel Freude und Aufregung, dass mich jähe Zuneigung für sie durchzuckt. Sie freut sich so sehr auf dieses Baby und es ist keine anonyme Routine für sie. Und ja – diesen Gedanken hatte ich wirklich dabei. „Möchtest du den Kopf fühlen?“ „Nein oh Gott nein“ – nein, das wollte ich wirklich nicht und bereue es auch nicht. Auf was für Ideen Hebammen manchmal kommen!
Und auf einmal tritt das Leben ein
„Schieb!“, das ist die einzige Anweisung die ich von ihr erhalte, ansonsten wird mir und meinem Körper vertraut. Und der weiß, was er zu tun hat. Ich drücke, presse und spüre –Erleichterung. „Da ist sie!“ und „huch“ folgen von ihr kurz aufeinander. Ich habe so stark gepresst, dass zwischen Kopf und Schultern kaum Zeit blieb und das Baby auf einmal da war. Auf einmal war Greta da. Und tausend Gefühle durchströmen den Raum.
Mein Mann sagt heute: „Ich wollte dir gerade sagen, welche Haarfarbe sie hat, da war sie auch schon komplett da.“
Ich flüstere nur „Du musst weinen. Du musst weinen.“ und die Hebamme sagt „Hallo da bist du ja! und sie weint doch Antonia.“ und Greta wimmert ganz leise. Ich sehe sie das erste Mal, sie wird hoch gehoben und ich spüre einen unangenehmen Schmerz – ich bin gerissen und das brennt. Hinter mir höre ich Tränen und ein Schluchzen.
Greta wird in das warme rote Handtuch gehüllt, das wir vor einigen Monaten gekauft haben und ich reiße mir die Sachen von der Brust hoch um sie ganz nah zu spüren. Sie liegt da, mein Mann weint, ich bin ungläubig und starre dieses wunderschöne Baby an, das weder blau noch verschleimt ist, und fasse sie an, küsse meinen Mann und die Hebammen liegen sich in den Armen und drücken sich fest. Der ganze Raum ist von der Liebe und Freude erfüllt, die nur ein solches Ereignis mit sich bringen kann. Mein Mann greift nach den Händchen unserer Tochter und ich küsse sie. Und die Kleine – sie öffnet die Augen und schaut uns wach und hell an. Nun liegen wir drei da und bestaunen einander. Wir werden von der Hebamme umarmt und auch sie schaut die Kleine an „Wie wach sie schon schaut – unglaublich!“.
„Oh ich liebe dich.“ flüstere ich diesem kleinen Wesen zu und ich lasse mich zurück in die warmen Arme meines Mannes sinken und höre nebenbei nur wie unsere Hebammen witzeln: „Da entbindet man im Geburtshaus und das in Rückenlage im Bett!“. Recht hat sie und ich schmunzle. Ich wollte eigentlich auf dem Geburtshocker oder im Vierfüßlerstand entbinden und habe in den Armen meines Mannes, eng an ihn gekuschelt und mit gleicher Perspektive auf das Geschehen spontan die für uns beste Position gefunden. Manchmal kommt es eben anders, als man denkt und es ist dann genau richtig so.
 
3240 gr. pures Glück: Und alles ist anders und doch als sei es immer so gewesen
Und da war sie da, unsere Tochter Greta. Auf einmal, um 4:36 Uhr, war sie im Leben. Klein, winzig und wunderschön. Und wir? Wir sind auf einmal Eltern und es ist, als sei es nie anders gewesen. Wir liegen zu dritt in diesem Bett, eng aneinander gekuschelt, verschwitzt und überglücklich. Ich spüre wie die Nabelschnur zieht und drückt. Sie ist wohl etwas kurz und ich bitte die Hebamme sie zu durchtrennen. Knapp zehn Minuten nach Greta musste ich nochmal pressen und erschrak etwas – die Nachgeburt hatte ich vergessen. „Da hast du uns die Nachgeburt geboren. Wollt ihr sie ansehen?“ Wir rufen beide: „Nein bloß nicht!“.
Wir werden allein gelassen und genießen diese Blicke, Nähe und ich inhaliere mein Baby. Mein Mann flüstert: „Du hast das großartig gemacht. Ich liebe euch.“ und ich finde das auch.
Es war eine wundervolle Geburt, eine schöne Geburt, genau die Geburt, auf die ich mich zehn Monate gefreut habe. Okay, nicht genau die Geburt, da sie in Rückenlage war und von den Brechwehen wusste ich auch nichts. Aber das ist mir nun egal. So wie wir es geschafft haben war es genau richtig. Irgendwann werden die ersten Fotos gemacht und ich muss genäht werden. Dabei soll sie nicht auf mir liegen – ich habe Angst vor dem Nähen und es ist das Schlimmste was ich von der Geburt in Erinnerung behalten habe. Mein Mann legt sich in den Nebenraum und bekommt die Kleine auf die nackte Brust gelegt. So verbringen sie die erste Papa-Tochter-Zeit, während ich geflickt werde (und nein, es ist nicht der Damm). Ich hoffe die zukünftigen Papa-Tochter-Quality-times bringen eine angenehmere Beschäftigung für mich mit sich als diese. Die Stiche tun weh und mir wird wieder schlecht, die Angst in meinem Kopf vor diesen Stichen schlägt sich auch auf meinen Kreislauf nieder. Plus den leicht erhöhten Blutverlust. Ich bin zittrig und die beiden Hebammen duschen mich nach dem nähen ab und müssen mir bei jedem Schritt unter die Arme greifen.
Als Greta wieder auf meiner Brust liegt, lege ich sie das erste Mal an und erschrecke kurz und denke „Uff, das soll so toll sein?“ Das erste Anlegen war nicht so schön, weil es ungewohnt war und sie den Mund nicht richtig aufgemacht hat. Aber mittlerweile hat Greta den Dreh raus und wir genießen das Stillen sehr.
Die Hebammen beginnen klar Schiff zu machen. Es wird schon hell draußen und wir ruhen uns einfach aus. „Ich fahre zum Bäcker – was soll ich euch mitbringen?“, ach so einen Brötchenservice gibt es im Krankenhaus sicher nicht, denke ich. Wir frühstücken alle gemeinsam. Greta wird gewogen, gemessen und die U1 wird gemacht, während ich die ersten Nachrichten an unsere Familie und Freunde sende. Nach dem Frühstück erhalte ich noch eine Infusion. Wir waren nach der Geburt länger im Geburtshaus und auf Hilfe angewiesen, als vor bzw. bei der Geburt. Die Kleine wird angezogen, wir räumen unsere Sachen zusammen und mein Mann schafft alles ins Auto. Ich sitze mit der Hebamme auf dem Bett und wir bewundern dieses kleine Mädchen, das zufrieden drein blickt. Dann werde ich gestützt zum Auto gebracht und steige ein. Neben mir, in der Babyschale, befindet sich nun auf einmal ein kleiner Mensch, ein kleines Wesen das unser Leben auf den Kopf stellen und alles verändern wird. Und doch ist es so, als sei es nie anders gewesen, als sei Greta immer schon da gewesen.
Wir fahren also nach Hause, zusammen, zu dritt und machen uns auf in das Leben als Familie.

8 Kommentare zu „Der Geburtsbericht – Wunderschöne Spontangeburt

  1. Was für ein toller Bericht! Ich gratuliere euch noch vom ganzen Herzen und wünsche euch eine wahnsinnig tolle Zeit als kleine Familie!!! Ich freue mich unglaublich mit euch 🙂

    Liebe Grüße vom Marienkäfer 🙂

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