Der Abschied

Es ist seltsam sich von einem Teil von sich selbst verabschieden zu wollen. Von einem Teil, den man so lang herbei gesehnt und lange genossen hat. Der viele, viele Tage, Wochen und Monate fester Bestandteil des eigenen Lebens war: Mittelpunkt und doch nur ein kleiner Teil von einem selbst. Denn am Ende ist man doch mehr als nur ein Zustand und möchte auch wieder so wahrgenommen werden.
Ich möchte mich heute von dir, meiner Schwangerschaft, verabschieden. Es ist unglaublich, dass bereits mehr als 270 Tage mit dir vorbei gegangen sind. Wo ist die Zeit geblieben? Ich habe so lange auf dich gewartet, dich ersehnt. Du hast mich warten lassen und irgendwo wusste jemand, dass es einen guten Grund dafür gab. Denn am Ende hat sich alles passend und schicksalsartig ineinander gefügt. Es schien wie vorher bestimmt. Vor so vielen Tagen hast du dich auf den Weg zu mir gemacht, um mir, nein uns, ein Geschenk zu bringen, welches einem Wunder gleich kommt. Nein. Es ist ein Wunder. Dieses Wunder hast du möglich gemacht: Gemeinsam haben wir ein kleines Herzelein in meinem Körper entstehen lassen. Es begann zu schlagen und der kleine Körper darum wuchs jeden Tag. Ich bin immer noch jeden einzelnen bewussten Moment fasziniert von diesem Wunder. Es ist das pure Leben. Unbegreiflich. Gewaltig.
Ich sehe meinen Bauch an und es regt sich etwas in ihm. Ein kleiner Körper in meinem, der in und aus mir erwachsen ist, der aus meinem Fleisch und Blut besteht und doch so eigenständig, individuell und einzigartig ist und sein soll, wie es jedem Leben zusteht. Ich lege meine Hand auf meinen Bauch und atme tief ein. Ich lasse all den Sauerstoff, das Leben und die Liebe zu diesem Kinde fließen, es soll durch jede seiner Adern gepumpt werden. Es soll spüren, wie sehr ich es liebe und ersehne. Der Bauch hebt und senkt sich und manchmal kann man sogar ein Spiel daraus machen. Dann spielen mein Mann und ich „triff die Hand“ und dieses kleine Leben sucht unsere warmen Hände und scheint sie von innen zu streicheln… „Bald bin ich bei euch.“.
Wir sprechen zu diesem Kugelbauch, der so lange hat auf sich warten lassen und jetzt so schön ist. Durch dich, liebe Schwangerschaft, habe ich wieder einen besonderen Zugang zu mir und meinem Körper gefunden. Ich finde mich schön und mein Körper ist tatsächlich in der Lage etwas so wundervolles geschehen zu lassen. Ich war nie besonders sportlich, fit, schön oder sonstiges. Aber heute, heute bin ich es. Mein Körper ist es ebenso und das ich das so sehen kann, verdanke ich dir. Du hast mich verzaubert und mir einen anderen Blick auf mich gegeben. Hab Dank dafür, es fühlt sich so gut an.
Eine unglaubliche, unfassbare Reise
Am Anfang war es nicht immer leicht mit dir. Wir haben etwas gebraucht um miteinander warm zu werden und uns aneinander zu gewöhnen. Lange, lange Zeit konnte ich nur erschöpft und von Übelkeit geplagt da liegen. Ich habe abgenommen, wollte nicht essen und mich kaum bewegen. Da ich so lange auf dich gewartet habe, habe ich mit so etwas zu Beginn nicht gerechnet. Jedoch haben wir es geschafft, ich habe das geschafft. Mit der Hilfe meines Mannes, der mich gepflegt und umsorgt hat. Ich habe mich tagelang wie eine brütende Vogelmama gefühlt, die vom Vogelpapa mit allem versorgt wird, der das Nest reinigt, Nähe und Trost spendet. Irgendwann kam die Energie und das Brüten lief fast nebenbei. Ja, an manchen Tagen hielt ich inne, fühlte nach meinem Bauch und musste mich daran erinnern, dass dort jemand wohnt und gedeiht.
Dann durfte ich die ersten Bewegungen spüren. Damit hast du mich überrascht. Ich habe so oft ruhig in mich hinein gehört gehabt und darauf gelauert. Auf einmal schien es tief im Inneren „plopp“ zu machen. Eine kleine Seifenblase musste geplatzt sein, so dass ich völlig überrascht die Hände auf meinen Bauch legte und zu diesem kleinen Wesen gesprochen habe. Ich habe es angefeuert und irgendwann meldete es sich nochmal. Und nochmal. Dann konnte man das Baby von außen spüren. Wir verdrückten eine Träne vor Liebe und Glück. Denn im Gegensatz zu meiner Angst, dass du und ich einander nie treffen würden, hatte ich nie Angst davor, dass du einfach wieder gehen würdest. Sobald du an meiner Seite warst wusste ich: Du bleibst und schenkst uns ein Kind, du bleibst und weißt was zu tun ist, weißt wie es geht. Ich sollte Recht behalten. Doch irgendwann, als wir uns wieder etwas uneins waren und es mir sehr schlecht ging, überkam mich doch für einen Augenblick panische Angst. Mit Hilfe, guten Seelen an meiner Seite und viel Ruhe haben wir es jedoch geschafft uns erneut zusammen zu raufen. Dann kam der nächste magische Moment: Wir erfuhren, was du uns gebracht hast: Eine Tochter soll es werden, und entgegen meiner Angst darüber traurig zu sein, konnte ich mir schnell nichts anderes mehr vorstellen.
Es wird Zeit
Ich wollte immer so lang wie möglich mit dir verbunden sein und der kleinen Seele all die Zeit lassen, die sie braucht, um groß zu werden und bereit zu sein. Hand in Hand auf dem Weg von zwei kleinen Zellen hin zu einem kleinen Menschen, der gesund in mir wächst und gedeiht. Nun ist der Bauch mittlerweile so groß geworden, dass es zu viel wird. Das Baby ist stark und strampelt so sehr dass ich manchmal stehen bleiben und durchatmen muss, es hat kaum noch Platz. Am Anfang kam mir der Gedanke fremd vor von dir irgendwann genug zu haben. Ich glaube, ich habe dich sehr lange liebevoll an meiner Seite gesehen und die Zeit sehr genossen. Aber jede schöne Zeit hat ein Ende und seit ein paar Tagen fühle ich mich so übervoll. Vielleicht möchte ich auch meinen Körper wieder ein kleines Stück mehr für mich haben. Doch noch mehr treiben mich die Fragen um: Wer und wie wird dieses kleine Wesen wohl sein, dass dort drin wohnt? Wie wird sie aussehen? Wie wird sie duften?
Nun möchte ich dich gehen lassen, wie eine geliebte, enge Freundin. Wie einen guten Geist. Ich möchte dir sagen: Es ist in Ordnung, wenn du nun gehst…und natürlich auch das ein oder andere Kilo mitnimmst, dass du mir gebracht hast. Doch am meisten ersehne ich mit deinem Abschied die Ankunft unserer Tochter. Vor unserem Abschied, liebe Schwangerschaft, habe ich noch immer keine Angst. Ich freue mich darauf, diese letzte große Etappe mit dir zu gehen und in einem Kraftakt von dir loszulassen. Ich stelle mir zwar auch Fragen wie „Werde ich meinen Bauch vermissen?“ oder „Werde ich mich leer fühlen?“, aber wir wussten, dass dieser Tag kommen wird. Nur wann das wussten wir nicht. Vielleicht möchtest du noch bleiben, vielleicht brauchen wir noch Zeit. Manche Abschiede sind so schwer, dass sie sich hinziehen.
Ich bin bereit
 
Ich möchte dir jedoch deutlich sagen: Ich bin bereit. Ich bin bereit dieses neue Leben nun ganz zu betreten, dich gehen und unser Baby vollkommen hier ankommen zu lassen. In den letzten Wochen haben wir ab und zu für diesen Moment trainiert: Du hast meinen Körper üben und trainieren lassen. Mein Körper und ich sind gut vorbereitet, denn du hast das ermöglicht. Er hat sich weiter verändert und ich habe versucht ihn so gut es geht zu unterstützen. Ich kann dich mit ruhigem Gewissen und Wissen gehen lassen.
Ich wünsche mir sehr, dass wir uns einander irgendwann wieder sehen und diesen Weg noch einmal durch dick und dünn gehen können. Sicher werde ich mich dir dann nicht so widmen können, wie es mir in den letzten 275 Tagen vergönnt war. Denn dann wird unser erstes „Projekt“ meine ganze Aufmerksamkeit fordern und dich und die Veränderungen die du mit dir bringst neugierig betrachten.
Auf Wiedersehen geliebte Freundin. Mach dich auf den Weg und bitte flieg zu den nächsten lieben Seelen, die so sehnsüchtig auf dich warten, wie wir es einst getan haben. Bringe ihnen das Glück dieser Welt und in ein paar Jahren kehrst du wieder bei uns ein und wir beginnen unseren Tanz von Neuen.
Herzlichst, Antonia
**Infinity Photography by Theresa Trebel**klick**

5 Kommentare zu „Der Abschied

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