Stop! Wir bekommen ein Baby – und nicht ihr. Stress, Bedürfnisse und Grenzen setzen

Ein neues Baby kommt in die Familie. Das erfreut natürlich nicht nur die werdenden Eltern, sondern auch die Verwandtschaft und oft den ganzen Freundeskreis. Man erhält Glückwünsche, Umarmungen und viele gut gemeinte Ratschläge. Doch leider bleibt es manchmal nicht nur dabei: Ab und an gibt es nun Kommentare, die verletzen („Was – SO viel hast du schon zugenommen?!“), und Tipps, die man überhören möchte, aber einen selbst entweder tief berühren und aufwühlen oder auch endlose, sinnlose Diskussionen über bestimmte Sichtweisen und Einstellungen.

Das alles bringt Stress mit sich – und Stress ist wirklich etwas, worauf man als Schwangere verzichten möchte. Man möchte sich bedingungslos freuen, genießen und auf den kleinen Menschen einstimmen, der da bald in den eigenen Armen liegen wird. Zudem ist den meisten Menschen bekannt, dass Stress nicht gut ist für die werdende Mutter und das Baby. Und trotzdem lässt er sich nicht zu 100% verhindern. Das ist irgendwo sicher auch gut so – man will nicht in Watte gepackt werden (okay, manchmal doch ;-)) aber ab und an muss man sich einfach auch mit bestimmten Dingen auseinander setzen, versuchen daran zu wachsen und dem Baby versuchen mitzugeben „Es ist alles gut – Es gibt diese seltsamen, unangenehmen Momente, aber danach ist es wieder schön!“

Wahrnehmen und wahrgenommen werden

In Bezug auf denletzten Blogartikel über körperliche Wehwehchen *klick*, möchte ich hier beim Thema stressige Zeiten ansetzen: Leider hält das Leben nicht an, damit man sich ausruhen und Kraft tanken kann. Das kenne ich natürlich, denn irgendwie war bei uns „immer irgendwas“. Neben schwereren Schicksalsschlägen, gab es immer wieder große und kleine „Katastrophen“ in unserem Umfeld. Also halfen wir innerhalb der Familie, so viel wir konnten, auch wenn ich dabei körperlich sehr an meine Grenzen stieß und es Stress bedeutete. Denn so war es bisher immer. Wenn wir gebraucht wurden, waren wir da. Leider hatten wir immer mehr das Gefühl, uns dabei selbst zu übernehmen und kaum noch durchatmen zu können. Denn neben all den Dingen die wir nun zu erledigen hatten, gab es noch den normalen Alltag und gute und schlechte Tage. Manchmal schien die geleistete Hilfe nicht genug und im Nachhinein wurde sich beschwert, dass es nicht nach bestimmten Vorstellungen ablief. Das ist mehr als ärgerlich. Zu Mal kein Anspruch auf Hilfe gestellt werden kann – auch innerhalb einer Familie nicht. Wollten wir darüber reden, wurden uns leider oft Empfindungen und Wahrnehmungen abgesprochen. Getreu dem Motto: Die anderen wissen es eben doch am besten!

Vor einigen Jahren hätte ich mir das sicher noch gefallen lassen und nicht auf mich geachtet – doch durch jahrelange harte Arbeit an mir, jetzt mit einem Mann an meiner Seite der mich stärkt und der Gewissheit, dass das wichtigste in unserem Leben nun mal wir und das kleine Menschlein sind, dass in mir heran wächst, begannen wir Grenzen zu ziehen, „Nein“ zu sagen und uns Freiräume zu schaffen, um auf unsere Bedürfnisse zu achten. Das hat nichts mit Egoismus zu tun. Oder wenn doch, dann mit einer gesunden Form. Irgendwann muss man auf sich auf sich besinnen, denn das tut niemand anderes für uns. Denn nur wir können Verantwortung für unser Leben übernehmen und sind uns das auch schuldig. Und ich denke – nein ich weiß, dass das etwas ist, worauf ich stolz sein kann. Ich kenne meine Grenzen und setze mich für diese ein. Ich erspüre meine Bedürfnisse und stelle diese an erste Stelle. Ich trage die größte Verantwortung, die es gibt: Ich trage ein Kind in mir und bin verantwortlich, dass es sich gut entwickelt und gesund heran wächst. Wir sind unsere kleine Familie.
Leider wurde daraufhin emotionaler Druck ausgeübt, der sich teilweise wie eine Erpressung anfühlte, woraufhin wir die Reißleine zogen. Es ist schmerzhaft und sehr schwer. Aber richtig. Richtig für uns und unser Kind: Denn wir stehen an erster Stelle.
Gut gemeinte Ratschläge und gut bedachte Entscheidungen
Alle, die zum ersten Mal Eltern werden, kennen bestimmt diese Konflikte mit den Herkunftsfamilien: Jeder hat einen gut gemeinten Tipp oder Rat, den er aber mitunter unmöglich zum Besten gibt. Jeder weiß es besser und viele Entscheidungen, die man als werdende Eltern bewusst und wohl überlegt (!) trifft, werden be- und vor allem verurteilt. Das finde ich sehr schade und ist (für mich) ein deutliches Zeichen dafür, dass keine Wertschätzung entgegen gebracht wird. In meiner Tätigkeit in einer Mutter-Kind-Einrichtung ist es mir besonders wichtig, meine Klientinnen in ihren elterlichen Kompetenzen zu stärken und zu unterstützen. Selbst wenn sie manchmal Entscheidungen treffen, die ich anders machen würde, so weiß ich doch oft, dass sie diese nach bestem Wissen und Gewissen treffen. Natürlich machen wir uns – wie alle – über bestimmte Dinge mehr Gedanken als andere. Vielleicht auch manchmal zu viele Gedanken. Aber das ist sowohl unser gutes Recht als Menschen, als auch ein Lernprozess, den wir als werdende Eltern durchlaufen. Ich bin es beispielsweise satt, endlose Diskussionen darüber zu führen, warum wir keine quietschpinken Klamotten mit Hello Kitty, Mini Mouse & Co für unsere Tochter brauchen (alle, dieetwas über die anerzogene Vorliebe zu Rollenbildern lese möchten, klicken bittehier) oder warum unsere Hunde kein generelles Kinderzimmerverbot erhalten. Wir haben unsere Entscheidungen überdacht und sie nicht getroffen, um es unbedingt anders zu machen, sondern, weil es uns sinnvoll erscheint. Es heißt auch nicht, dass all unsere Entscheidungen unumstößlich sind und sich nie ändern werden. Nur wieso will man uns die Möglichkeit zum Lernen, Umdenken und Fehler machen nehmen? Ja, wir werden Fehler machen und dessen sind wir uns bewusst. Und aus Fehlern kann man lernen und somit an ihnen wachsen. Sowas möchte man doch nicht verhindern?
Aber, genauso wenig, wie wir zu anderen gehen und sagen: „Das kannst du aber nicht so machen!“ „Das finde ICH aber absolut unnötig!“ „Das wird eh nicht klappen!“, wünschen wir uns dies von unseren Gegenüber. Wenn Entscheidungen getroffen werden, die ich nicht verstehe, dann frage ich nach: „Hm, warum hast du dich dafür entschieden?“ und nichts, nichts in der Welt gibt mir das Recht die Entscheidungen anderer Eltern zu verurteilen, solange das Kindeswohl nicht beeinträchtigt oder gefährdet ist. Ich habe als studierte Pädagogin, ehemalige pädagogische Fachkraft in Krippe und Kita und meine Erfahrungen ganz eigene Vorstellungen und Wünsche für das Leben mit unserem Kind und dem einzigen dem ich Rechenschaft schuldig bin, ist meinem Mann und unserem Kind gegenüber. Ich muss nicht gutheißen, was andere für ihre Kinder entscheiden. Und genauso wenig muss das jemand mit unseren Entscheidungen tun. Das Zauberwort hier heißt Akzeptanz.
Ihr merkt schon, hier gab es wohl viele Diskussionen. Ein paar Beispiele? Die Diskussionen und Belehrungen reichten vom Thema Schnuller, über die farbliche Gestaltung des Kinderzimmers, Erstausstattung, Laufgitter, Kauf bestimmter Produkte mit bestimmten Eigenschaften, wohl gewählte (ja auch pädagogisch sinnvoller) Spielzeuge, Holz- oder Plastikspielzeug, müssen Spielsachen Geräusche machen… leider könnte ich die Liste noch etwas fortsetzen.
Mein gut gemeinter Ratschlag: Lasst eure gut gemeinten Ratschläge aus den oben genannten Gründen.
Geschenke für werdende Eltern
Das gleiche gilt für Bedürfnisse und Wünsche, und da es gerade hier thematisch gut reinpasst, habe ich gleich noch einen Tipp für werdende Eltern mit übereifriger Verwandtschaft und Freundeskreis. Wenn ihr bestimmte Dinge geschenkt bekommen oder eben nicht geschenkt bekommen möchtet, empfehle ich von Herzen eine Wunschliste zu erstellen und diese herum zu geben. So könnt ihr sicher gehen, dass nicht die 3583 C&A Grundausstattung in ein und der gleichen Größe im Schrank landet und ihr könnt deutlich zeigen: Wir haben uns Gedanken gemacht und das sind unsere Wünsche. (wir haben bisher eine Liste über Amazon erstellt, leider ist diese nicht abstreichbar, so dass wir nun wishsite ausprobieren werden.) (Und noch ein Tipp: Auch ein Gutschein für eine Putzfrau, die einmal in der Woche für 2 Stunden kommt, darf man sich vor allem während des Wochenbetts wünschen! Ein toller Tipp von unserer Hebamme, der es defintiv auf die Liste schafft!)

Wer jedoch jetzt sagt „Aber ich will doch schenken was mir gefällt/Aber ich will doch mit etwas überraschen“ dem muss ich leider entgegenhalten: Wer bekommt gerne Sachen geschenkt, die er eigentlich nicht haben will? Ich würde nie Sachen schenken, nur weil ich etwas schenken will, das mirFreude macht. Nein. Ein Geschenk ist etwas, was dem Beschenkten Freude machen soll. (Ansonsten macht euch halt selbst eine Freude und behaltet den Kram einfach für euch!) Diese Diskussion gibt es seit Jahrhunderten mit Großeltern – oder wer hat noch nie Handtücher, Unterwäsche oder Bettwäsche geschenkt bekommen, obwohl ein Gesellschaftsspiel oder Bekleidungsgutschein so viel mehr Freude gemacht hätte? Denn es geht hier nicht um die Bedürfnisse der anderen, sondern um die eigenen und die des Kindes, das da kommt. Und auch hier kann nur wieder darauf hingewiesen werden, dass die Eltern das bestimmen. Sorry, aber das ist so. Kein Baby kommt auf die Welt und sagt „Ich möchte bitte das und das!“ – in den ersten Lebensjahren bestimmen die Eltern, was den Weg in das heimische Kinderzimmer findet. Und das ist unser gutes Recht. Da will man nicht von (Schwieger-)eltern überrumpelt werden. Denn auch hier haben wir uns Gedanken gemacht, was angeschafft werden soll und was eben nicht. Wer nur seine eigenen Bedürfnisse im Sinn hat, braucht auch gar nichts schenken. Denn es soll ja offensichtlich nur einem selbst eine Freude machen und manchmal sogar extra provozieren. Klar – dafür würde ich auch Geld ausgeben und Zeit investieren: Nur um jemanden absichtlich zu ärgern. Wenn man genauer drüber nachdenkt, merkt man, wie bescheuert das ist, oder?! Ansonsten könnt ihr nochmal zurück ins Kinderparadies gebracht werden, um soziale Umgangsformen erlernen zu können.

Bedürfnisse und deren Rangfolge 

Weiter geht es um Bedürfnisse, wenn es darum geht wann das Baby „präsentiert“ wird. Wir persönlich werden die ersten 10, 14 Tage allein als kleine Familie verbringen. Vielleicht länger, vielleicht doch weniger. Und das ist ebenso unser gutes Recht, wie andere Menschen entscheiden, sofort die Großfamilie einzuladen und das Baby herum zu reichen. Das kann und soll jeder entscheiden wie er möchte. Und auch hier gelten unsere Bedürfnisse und die unseres Babys mehr als die der anderen. Egal wer – wenn mir dabei nicht wohl ist, wenn eine Freundin mein Baby hält, bekommt sie es nicht in die Hand. Punkt.

Unsere Strategie gegen Stress und das blöde Gefühl im Bauch, das damit kommt
  • Stress vermeiden durch Grenzen setzen. Was ihr jetzt klärt und deutlich macht, wird nicht mehr zur Diskussion kommen, wenn das Baby da ist und noch mehr mit bekommt.
  • Nein sagen. Nein – wir haben das so für unser Kind entschieden. Basta.
  • Was ich in der Beziehung mit meinem Mann bisher gelernt habe und mittlerweile sehr gut umsetzen kann: man muss nicht ständig greifbar sein. Das Handy/Telefon (Facebook, Instagram usw. gehören auch dazu) ausschalten, um wirklich zur Ruhe zu kommen und Zeit für sich und den Partner zu haben. Es ist heilsam, wirklich heilsam.
  • Andere auch mal reden lassen – das fällt mir persönlich sehr schwer. Ich fühle mich schnell angegriffen und schieße dann auch mal zurück. Je mehr ich emotional berührt bin, umso schwerer fällt es mir.
  • Die angesprochene Babyliste wird ausgegeben. Sollten doch Sachen kommen, die uns nicht gefallen, werden wir kein Fass aufmachen: Nicken, winken und die Sachen ganz weit hinten im Schrank verstauen und mit dem nächsten Frühjahrsputz wegwerfen.
Während dieser spannenden Zeit gibt es Dinge, die nur einmal im Leben passieren: Wir werden nur einmal das erste Mal Eltern und möchten diese Zeit genießen. Und genau diese Punkte wünsche ich mir auch für unser Kind und für jeden, den ich liebe: Dass es seine Bedürfnisse kennt und durchsetzt. Dass es „Nein“ sagen kann (egal ob jemand es drücken will und es nicht möchte, oder es bestimmte Dinge nicht essen will). Es bedeutet keine emotionale Zurückweisung von jemanden, den ihr besonders liebt, wenn ihr auf euch achtet: Denn niemand hat das Recht darauf, mehr zu verlangen, als ihr zu geben bereit seid. Das erfordert auch keiner Rechtfertigung. Nur weil man jemand bedingungslos liebt, muss man sich dabei nicht selbst vergessen, denn das führt nur in eine Abwärtsspirale und am Ende seid ihr auf dem Boden –und nicht die anderen. Nein, Grenzen setzen und für die eigenen Bedürfnisse einstehen erfordert Kraft und Stärke – aber man wächst daran, jedes Mal und trotzdem liebt man die Menschen sehr, die diese Grenzen spüren.
Herzlichst, Antonia

Ein Kommentar zu „Stop! Wir bekommen ein Baby – und nicht ihr. Stress, Bedürfnisse und Grenzen setzen

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