Der Nestbautrieb – oder, wie man eine Renovierung ohne Scheidung überlebt

Auf Instagram konntet ihr verfolgen, dass bei uns in der letzten Zeit einiges los war: Unsere komplette Wohnung wurde umgeräumt und teilweise neu eingerichtet. Da wir ohne Scheidung aus diesem Ikea-Streich-Möbelaufbau-Umräum-Aussortier-Wegwerf-Neukaufen-dekoratieren-Martyrium gekommen sind, haben einige gefragt: „Wie genau habt ihr das gemacht?“ Deswegen gibt es jetzt eine Zusammenfassung mit ein paar Tipps und ehrlichen Rückblicken. Denn einige Dinge sehe ich jetzt, knapp 10 Wochen nach dem Beginn der Aktion Umbau, doch anders und sogar lockerer.
Alles auf Anfang – Aktion Kinderzimmer droht auszuarten
Unsere „Bauaufsicht“

„Wir bekommen ein Baby und wir sind nicht vorbereitet! Wir haben noch nichts geschafft!“. Mit Tränen im Gesicht und zitternder Stimme stand ich meinem Mann in der Kinderabteilung eines Möbelgeschäfts gegenüber. Er musste doch einfach sehen, dass wir jetzt und sofort und gleich und schnell alles erledigen mussten. Gleich und sofort! Jetzt und zwar alles! Dass wir gerade erst in der 8 SSW angekommen waren, muss ich –fairerweise- hier wohl doch anmerken. Hmpf. Mein Mann war dezent verwirrt und verstand die Welt nicht mehr – heute, im 8. Monat meiner Schwangerschaft, muss ich fast sagen, dass ich wohl auch so reagiert hätte. Er begegnete mir aber klug und entgegnete: „Lass uns erstmal was essen und in Ruhe darüber reden.“ Guter Schachzug Mister, sehr guter Schachzug. Eine Schwangere einmal durch einen Foodtempel zu lenken und ihr alle kulinarischen Wünsche zu erfüllen, um dann vermeintlich heikle Themen zu besprechen, genau das war die richtige Taktik.

Tipp 1: Diskutiert nie, nie im Leben nicht mit einer hungrigen oder müden Frau. Erst recht nicht wenn sie schwanger ist und die Hormone ihre Gefühle durcheinander werfen. Denn: Auch für die schwangere Frau ist es nicht lustig! Ich war wirklich der festen Überzeugung, dass wir nichts auf die Reihe kriegen würden, wenn wir nicht sofort ein Kinderzimmer kaufen. Das rationale Denken wird zeitweise durch Hormone gänzlich ausgeschaltet.
Der neue Arbeitsbereich
Wir sprachen über das Für und Wider eines Kinderzimmers für ein Baby, finanzielle Lage und den Aufwand, der auf uns zukommen könnte. Mein Mann argumentierte: „Das Kinderzimmer kann in einem Jahr immer noch eingerichtet werden. Wir können jeden Monat ein Stückchen machen und nicht alles auf einmal.“ Ich erwiderte: „Ich möchte es endlich mal schön haben und nicht hochschwanger Möbel aufbauen müssen. Lieber einmal kurz Kraft investieren und dann ausruhen, anstatt über Wochen hinweg im gestückelten Chaos zu leben.“ Der Wohlfühlfaktor war für mich ausschlaggebend und auch wollte ich die Renovierung nicht, wie von ihm geplant, bis in den Januar ziehen.
Mittlerweile denke ich: Natürlich brauchen wir das Kinderzimmer jetzt noch nicht. Unsere Tochter wird mindestens ein Jahr bei uns im Bett (bzw. Beistellbett) schlafen und die ganze Zeit um uns sein. Die ersten Jahre wird sie wohl meistens im Wohnzimmer, nah bei uns, und weniger in ihrem Zimmer spielen. Eigentlich hätten wir wohl noch Zeit gehabt – aber der Nestbautrieb hatte mich fest in seinen Klauen und lies mich nicht los.
Die Planung – Ikea wird zum Zweitwohnsitz
Wir betrachteten zu Hause unsere Wohnung: 3 Räume mit knappen 59m² – das ist nicht viel Platz. Ein Umzug kam nicht in Frage und so mussten wir umstrukturieren. Mein geliebtes Arbeitszimmer, dass auch irgendwie als Lagerraum und Hundetrickraum funktionierte, würde Kinderzimmer werden.

Somit musste dort alles raus und in der restlichen Wohnung untergebracht werden. Mein Mann wollte alles im Wohnzimmer verteilen (Akten, Ordner, Bücher, Trickutensilien, gelagertes Zeugs) und ich bekam einen kleinen Angstanfall: Das würde hinten und vorne mit den vorhandenen Möbeln nicht passen und zu dem noch furchtbarer aussehen als vorher! Unsere bisherige Einrichtung bestand aus zusammengewürfelten Möbeln verschiedener Jahre und Stilrichtungen. Ich fühlte mich schon länger nicht wohl und eine neue Einrichtung war über kurz oder lang eh geplant. Mein Mann wollte nun folgendermaßen vorgehen: In den kommenden Monaten wollten wir nach und nach das Wohnzimmer neu einrichten, ein neues Bett anschaffen, einen neuen Arbeitsbereich im Schlafzimmer einrichten und dann das Kinderzimmer angehen. Klingt erstmal vernpnftig. Wenn man jedoch eine ungeduldige Frau ist, die am liebsten alles jetzt und gleich möchte, und dieses Verlangen noch durch Hormone verstärkt ist, sollte man eventuell doch davon abrücken können. Das Kinderzimmerprojekt entwickelte somit eine von mir getriebene Dynamik, die wir beide nicht vorhersehen konnten aber heute auch nicht bedauern.

Das Projekt Kinderzimmer artete dezent aus 
Tipp 2: Ruhig bleiben, durchatmen und versuchen logisch zu erläutern, warum es für euch vernünftig ist, alles nach und nach zu erneuern/umzubauen (am besten verteilt ihr auch hier vorher wieder etwas Leckeres zu essen). Sollten jetzt aber wieder Tränen in den Augen eurer Liebsten aufsteigen, solltet ihr kurz in euch gehen und überlegen, ob sich das wirklich lohnt. Wägt genau das Für und Wider ab – natürlich bedeutet eine neue Einrichtung auf einmal eine große finanzielle und nicht zu verachtende Arbeitslast: Aber kann man sich Geld beispielsweise leihen oder Freunde um Unterstützung bitten? Dann ergibt es sehr wohl Sinn, die Monate, in denen eure Partnerin noch beweglich und etwas belastbarer ist, zu nutzen, anstatt am Ende der Schwangerschaft mit einem kleinen Walross im Möbelladen unterwegs zu sein, dass dazu noch alle zehn Minuten Pipi machen muss.
Rückblickend sind wir beide dankbar, dass wir uns dazu entschieden haben, alles auf einmal zu machen und nicht jeden Monat ein kleines bisschen zu erledigen. Auch wenn das für uns mehr als 4 Wochen ein Leben im Chaos mit Essen im Bett (wir hatten Tische und Sofa verloren) und viel, viel Arbeit in kurzer Zeit bedeutete. Jetzt, gegen Ende der Schwangerschaft bin ich wirklich froh, dass alles erledigt ist. Dass ich mich in das neue Bett kuscheln, die Weihnachtsdeko in der neuen Schrankwand platzieren und die Kindersachen ordentlich im Kinderzimmer verstauen kann.
Wir fuhren in der Zeit der Planung teilweise drei Mal in einer Woche (!) zu Ikea. Mit den genauen Maßen, Vorstellungen und Überlegungen konnten wir dort alles vor Ort planen, uns Inspirationen holen und eine Bestellung nach der anderen aufgeben. Leider waren wir auch so doof, dass wir zwei Mal an einem Samstag dort landeten. In der Mitte des Monats. In den Herbstferien. Blöde Idee, ganz blöde Idee!
Ikea – unser zweites Heim
Tipp 3: Wenn es eure Zeit zulässt, fahrt unter der Woche zu Ikea/dem Möbelladen eurer Wahl und ruhig öfter! Wir brauchten Zeit, um uns klar zu werden, ob die ausgewählten Möbel wirklich zu uns passen. Wir haben auch daheim mit den entsprechenden Onlineplanern verschiedene Versionen entworfen und dann nach ein paar Tagen nochmal angesehen. Schließlich fanden wir für unser Wohnzimmer eine Anbauwand, die uns auch noch nach einer Woche sehr gut gefiel, ähnlich im Ausstellungsraum stand und somit war auch die Frage der Wandfarbe geklärt. Das tolle bei Ikea: Auch einige Wandfarben kann man dort erstehen oder man kann euch genau sagen, woher die Farben stammen (Farbcodes mitgeben lassen!).
Da der Umbau neben Streichen (was für mich sehr anstrengend war, da ich die Farbdämpfe teilweise gar nicht vertragen und mit Übelkeit reagiert habe) auch Möbel rücken und schleppen bedeutete, blieb vor allem die Vorarbeit fast komplett an meinem Mann hängen. Er forderte dies aber auch so ein: Ich sollte mich schonen, durfte mitmachen soweit es ging, aber wehe ich wollte ein Paket anheben oder mich nach oben strecken.
Tipp 4: So viel wie möglich auf einmal kaufen/bestellen und gesammelt liefern lassen. Das ist unglaublich hilfreich. Hätten wir alles selbst transportieren müssen, wäre das sicherlich nicht ohne Streit oder kaputten Rücken abgelaufen. Ich darf und durfte nicht schwer heben und wir haben die Renovierung im Alleingang bewältigt. Sollte dann ein Schaden an den Möbeln auffindbar sein, muss man nicht extra nochmal hinfahren: Anrufen, abholen und ersetzen lassen. Spart dann eine extra Fahrt.
Der Aufbau geht los – „Lass mir meine Männlichkeit“Renovierung
Das wichtigste für uns war: Wir wollten endlich von der 15 Jahre alten, durchgelegenen Schlafcouch runter in ein neues, rückenfreundliches Bett. Da der Arbeitsbereich im Schlafzimmer eingerichtet wurde (auch wenn jetzt viele sagen: oh Gott, man soll doch die Arbeit aus dem Schlafzimmer raushalten! Ja – wir waren froh überhaupt noch Platz für einen Schreibtisch gefunden zu haben. 59m² geben nicht so viel her.), wurde dieser zu erst aufgebaut. Ich machte mich also euphorisiert und voller Vorfreude daran, den neuen Rollcontainer aufzubauen, als mein Mann in das Zimmer kam und rief: „Was machst du denn da?!“ „Na den Schreibtisch aufbauen?“ „Lass mir meine Männlichkeit – ich baue die Möbel auf!“ Okaaaay. Männlichkeit. Mir war bis dato nicht bewusst an die Genderfront versetzt worden zu sein.
Tipp 5: Ladies, checkt mal in Ruhe ab, ob sich euer Mann über Aufgaben wie Möbelaufbauen definiert. Und wenn er es dann unbedingt möchte, lasst es ihn genau so sagen. Wenn er nämlich später bei dem Bett um Hilfe bittet, habt ihr ein super Argument euch raus zu halten 😉
Wir teilten also die Aufgaben genau ein und niemand fing einfach an. Wir klärten: Was bauen wir zu erst auf? Wer übernimmt dabei welche Aufgabe? Wo lagern wir die Verpackungen?
Tipp 6:Kommunikation. Wie immer in einer Beziehung (egal welcher Art) ist das das A und O. Sprecht euch ab und klärt die Aufgabenverteilung, so kann es nicht dazu kommen, dass der ein oder andere sich in Rollenbild oder Handwerkerehre gekränkt fühlt. Das Vorgehen sollte auch besprochen werden: Wenn einer sich besser erstmal allein in die Anleitung einlesen kann, kann der andere motivierend auf einem Stuhl daneben sitzen und vielleicht schon mal die Schrauben sortieren bzw. überprüfen.
Ich bin nämlich jemand, der gerne haargenau nach der Anleitung vorgeht. Kann dann so enden, dass
Wenn nach Anleitung, dann richtig!

man sich den Bleistift hinters Ohr klemmen muss, weil es ja in der Anleitung so abgebildet ist, lockert aber im Zweifelsfall die Stimmung. Während ich also zu Beginn des Aufbaus panisch mit der Anleitung vor Männes Nase rumgefuchtelt habe, hat er in Ruhe alle Teile gesichtet und sich im Kopf schon einen Plan gemacht. Er geht dabei nunmal so vor. Ich ganz anders. Und am Ende hat die Kombination aus beidem geklappt: Wenn er mal nicht weiter wusste, habe ich brav die Anleitung gereicht und zwischendurch immer wieder betont, wie toll er das macht und Sätze wie „Siehst du, hättest du mal…“ vermieden.

Tipp 7: Ladies, verlasst zur Not den Raum. Atmet durch und gönnt euch nen Joghurt. Meistens wissen die Männer ja doch, was sie tun (schon wieder in die Genderfalle getappt – verdammt! Das gilt natürlich auch genau andersrum: Jungs geht Joghurt essen und lasst die Mädels mal machen.). Zur Not kann man eine Schraube auch nochmal lockern, davon ist noch niemand gestorben und kein Möbelstück kaputt gegangen. Für mich war es heilsam einfach zu akzeptieren, dass er es nun mal anders macht als ich und das nicht heißt, dass es nicht funktionieren wird. Bei solchen Aktionen kann man viel Geduld lernen. Und vor allem, dass es nicht schlimm ist, wenn mal was nicht auf Anhieb klappt.
Tipp 8: Nehmt euch Zeit zum Aufbauen. Wir haben für unser Bett und den Schreibtisch einen Tag gebraucht. Hektik braucht man hier einfach nicht. Es kommt ja niemand um, nur weil der Schrank einen Tag später als geplant an der Wand hängt.
Das Ergebnis
Das Wohnzimmer im neuen Glanz
Am Ende haben wir, wie gesagt, mehr als 4 Wochen für alles gebraucht (alte Schränke ausräumen, abbauen, Wände streichen, Möbellieferung, alles nacheinander aufbauen und wieder einräumen). Wir haben die Aktion genutzt, um mehrfach auszumisten und im Nachgang durfte ich sogar neue Dekoartikel anschaffen.
Am ersten Abend, an dem wir unseren Esstisch und das Sofa wieder für uns hatten, bestellten wir erstmal Chinesisch und aßen im Bett. Gewohnheit und so. Das Kinderzimmer ist mittlerweile zwar auch aufgebaut, aber immer noch nicht fertig. Nachdem Wohn-, Schlafzimmer, Küche und Flur nun komplett sind, sehe ich der Fertigstellung des Kinderzimmers gelassener entgegen – aktuell tanken wir neue Kraft.
Ich muss sagen, dass wir uns nur zwei Mal größer in der Wolle hatten: Das erste Mal, als es darum ging, was und in welchem Zeitfenster erneuert wird, also während der Planung. Und beim zweiten Mal, als wir die jeweiligen Arbeitsbereiche noch nicht klar waren. Heißt so viel wie: Er baut den Großteil auf und ich räume Verpackungsmaterialien weg und schraube zur Vorbereitung Scharniere

in die Türen. Ich habe mich ein- oder zweimal eingemischt in sein Aufbauvorgehen und das war nicht gut. Hätten wir das nicht geklärt, hätten wir uns sicher öfter angezickt. Zusammenfassend hat uns die ganze Sache gestärkt und wir fühlen uns nun endlich pudelwohl in unserer Wohnung und sind stolz auf die geleistete Arbeit. Mein Mann war einfach unglaublich fleißig und es hat mich beeindruckt, dass er nach seiner langen Schicht noch gestrichen oder davor Möbel zusammengeschraubt hat.

Ich hoffe, dass diese Zusammenfassung euren Vorstellungen entspricht und vielleicht dem ein oder anderen beim Aufbau/Umbau hilft!
Wer mehr Bilder sehen möchte, ist herzlich eingeladen mir auf Instagram zu folgen.
Herzlichst, Antonia
Der neue Flur

3 Kommentare zu „Der Nestbautrieb – oder, wie man eine Renovierung ohne Scheidung überlebt

  1. Liebe Antonia,

    sehr cool, eure ganze Aktion da! Das scheint ja wirklich ein kleines Mamutwerk gewesen zu sein. Aber hey, dafür schaut jetzt alles tiptop aus und richtig toll.
    Bei uns war es recht harmlos, haben wir doch lediglich ein paar Möbel umgestellt (vom Wohn- ins Schlafzimmer und eine Wickelkommode gekauft 🙂 Aber das hat mir schon gereicht.

    Liebste Grüße
    Lea

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  2. Liebe Lea,
    oh ja es war ein riesiges Projekt und ich bin immer noch sehr dankbar und froh, dass wir es angegangen sind und so geschafft haben (bzw. mein Mann hat ja das meiste geschafft). Wir fühlen uns so wohl und jetzt wo unser Baby da ist, passt es einfach alles perfekt! 🙂
    Jeder baut sich sein Nestlein ja so, wie er es braucht. Mein Mann wäre sicher auch froh gewesen, wenn es nur bei Aktionen wie bei euch geblieben wäre ;-D

    Liebe Grüße,
    Antonia

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