Geh mir nicht auf die Nerven – Oder

Über das Gefühlschaos einer Schwangeren
 
Man hört es ja oft und tut es mit einem Lächeln ab „Nein, mir passiert das bestimmt nicht!“ „Nein, ich bin erwachsen und nicht auf den Kopf gefallen, zu dem weiß ich mich zu benehmen.“ und ein Klassiker „Also, ich würde ja nie so reagieren.“ Und hier möchte ich laut STOP rufen und mir den Bauch vor Lachen halten. Nein, eigentlich möchte ich weinen – ach wisst ihr, ist mir doch egal! „Wie bitte?“ mag der oder die ein oder andere sich jetzt fragen. Lasst es mich bitte erklären!
 
Körper und Geist bilden ja bekanntlich eine Einheit. Es gibt erklärbare und unerklärbare Wechselwirkungen zwischen beiden: Von psychosomatischen Erscheinungen, bei denen der Geist den Körper in die Knie zwingt, bis hin zu körperlichen Gebrechen, die auch den stärksten Geist zermürben. Das hat jeder von uns schon mal gehört – Burnout und andere Dinge sind in den letzten Jahren ja immer bekannter geworden.
Neben diesen Geschichten gibt es noch eine Gruppe, die über einen zeitlich begrenzten Raum sowohl von ihrem eigenen Körper, als auch ihrer eigenen Psyche gebeutelt und fertig gemacht werden. Sie können fast nichts dagegen tun und meistens leiden nicht nur die direkt Betroffenen darunter, sondern auch nahestehende Personen. Die Rede ist von Schwangeren, gebeutelt von Hormonen und körperlichen Veränderungen wachsen sie zu tickenden emotionalen Zeitbomben heran, die jederzeit, ortsunabhängig und unbeeindruckt vom jeweiligen Publikum hochgehen können: Rette sich wer kann! 
Jeder weiß, dass sich der Körper einer schwangeren Frau verändert. Immerhin wird im eigenen Körper etwas herangezogen, das binnen nur zehn Monaten einen eigenen, lebensfähigen Organismus darstellt. Einen Organismus, der nicht nur die Gabe besitzt den stärksten Männern die Tränen in die Augen und der gleichgültigsten Frau die Milch in die Brüste zu treiben. Sondern, der es auch vermag das komplette Leben zweier (oder einer, oder mehrerer – welche Familienkonstellation auch immer dahinter stehen mag!) unabhängiger Menschen völlig und ein für alle Mal zu verändern.
Aber diese Veränderung passiert eben nicht erst mit dem ersten Schrei, den man da im Kreissaal, Geburtshaus oder Bus hört. Nein. Dieser kleine Organismus krempelt bereits über die zehn Monate seiner Entstehung hinweg den Körper und den Geisteszustand seines „Wirtes“ komplett um.
 
Die meisten denken bei Veränderungen an die Morgenübelkeit, wachsende Brüste, reißende Haut an Bauch, Beinen und Po und einen riesen großen Kugelbauch. Jahaaa, wenn es doch nur dabei bleiben würde! Nein, als Schwangere sieht man sich ab einem gewissen Punkt mit Panzertape, Kabelbindern und Handschellen in einer emotionalen Achterbahn gefesselt. 
Am Anfang mag das ja noch ganz süß wirken: Man ist von Tränen getränkt, wenn man seine Schwangerschaft verkündet (und das hört auch beim hundertsten Mal nicht auf). Man quietscht los, sobald man Babykleidung in der Hand hat und findet alles, aber auch alles darauf niedlich. Ich selbst stand mit der werdenden Oma im Laden und erwischte mich bei diesem Satz: „Schau mal Mama, der Hammer hier drauf ist doch soooo süß!“ – Äh? Bitte? Seit wann finde ich Werkzeuge oder so niedlich? Na gut. Schnell ist eine Erklärung für solche Ausbrüche gefunden: Die lieben Hormone. Gut, man findet sich damit ab und freut sich einfach darüber, dass man sich über so viele Dinge freuen kann. Aber irgendwann, ja Ladies und meine lieben Herren, irgendwann muss auch das Gegengewicht rausgelassen werden.
Dann gibt es aber noch jene Ausbrüche, für die ich mich in Grund und Boden schäme. Die ich hasse und mir selbst eine Ohrfeige dafür geben möchte. Die Ausbrüche, mit denen ich nicht nur blöd da stehe, sondern auch die Nerven meines Angetrauten mächtig reize. Gestern Abend erst war eine solche Situation: Wir wollten die Hunde vor Zecken usw. schützen. Eine doch edle und fürsorgliche Überlegung. Ich halte also das Fell der geliebten Monsterchen auseinander, während mein Mann das böse, böse Nervengift auf den Nacken träufelt. Und dann ging es schon los – während er sich Sorgen macht, dass ich auch ja nichts davon ab bekomme, sehe ich nur meine kleine Hündin, die diese Prozedur hasst und weg möchte. Er macht Theater, ich solle die Hand wegnehmen. Logische Reaktion: Ich schreie rum, wie doof mein Mann doch ist und er einfach die Pipette leer machen soll. Er will mich beruhigen, und ich werfe irgendwas rum und versuche sogar ihn aus dem Weg zu schubsen. Klappt natürlich nicht, weil er sich galant wegdreht. Ich bin also stinkesauer. Er verständlicherweise auch. Ich bin wütend. Sauer. Genervt. Und er ist doch einfach nur besorgt um unser Kind. Ich schwöre – sonst passiert mir sowas nicht. Klar, bin ich wie jede Frau auch mal ungehalten. Vielleicht habe ich auch schon mal etwas durch die Gegend geworfen. Aber ich würde nie meinen Liebsten schubsen oder Leid zufügen wollen! Warum auch? Wie komme ich nur darauf? Wer hat hier meine Hand und meinen Kopf geführt und mich so bescheuert reagieren lassen? Für mich ist es echt der Boden, noch tiefer als dort. Ich schäme mich so sehr.
 
Und mich hat das seit Tagen voll und ganz im Griff. Ich gehe mir selbst mittlerweile so sehr auf die Nerven, dass ich den ganzen Tag am liebsten im Bett verbringen würde, damit ich nicht wieder in Tränen ausbreche, nur weil drei kleine Äffchen in einem Zoo vom Tierpfleger aufgezogen werden müssen, anstatt von ihrer überforderten Mama *los-wein* entschuldigt mich kurz…*schnüff* *schnäuz*. So. Besinnung wieder da.
Auch wenn ich die letzte Scheibe Käse aus der Packung nehme, weine ich los. War ja immerhin unverantwortlich von mir. Was, wenn mein Mann doch noch Käse möchte? Wenn einer unserer beiden Hunde gerade wieder SO niedlich ist, dass ich mein Glück über diese beiden Schätze kaum fassen kann, sind die Schleusen offen. Eine kleine Schnecke mit demoliertem Schneckenhaus lässt mich in mütterlichen Gefühlen versinken – und hier ging es zum Glück meinem Mann ähnlich – auch er hatte binnen Sekunden Vatergefühle für das kleine Tierchen. Leider muss ich vermelden, dass wir wohl nie eine Schneckengesundheitsfarm ins Leben rufen werden. Ruhe in Frieden, kleine Schnecke. Wir haben unser Bestes gegeben.
 
Gut, dass sind jetzt irgendwie auch noch die Gefühle, die sowohl von der Gesellschaft, als auch von dem Mann an meiner Seite toleriert und irgendwie mit Humor genommen werden: Oh ist das Süß-Ausbrüche und die von Tränen verquollenen Augen.
Minuten später liege ich wie ein Haufen Elend zusammen gerollt in seinen Armen und schluchze scheinbar so herzzerreißend, dass er nur noch sagt „Ach, es wird bestimmt ein Mädchen.“ Immerhin behält hier eine die Contenance.
 
Es ist aktuell einfach nervenaufreibend. Ich gehe mir richtig auf den Sack. Anders kann ich es gar nicht mehr formulieren. Und er reagiert so großartig und hält das alles aus. Das muss wahre Liebe sein, sonst hätte er schon X-Mal seine Sachen gepackt und wäre weg. Schwanger zu sein ist also nicht nur körperlich anstrengend – dies blieb mir bisher erspart. Mein Bauch wächst minimal, das Baby hat ja auch so genug Platz bisher. Aber dieses emotionale hoch und runter, hin und her, vor und zurück. Puuuuh. Es ist so anstrengend. Es geschieht weder mit Absicht noch sonst was. Diese Dinge passieren einfach und manchmal schreit eine Stimme in meinem Kopf „Man hör doch jetzt mal auf!“, während die restlichen sagen „Booooaaaahh!!!“. Wie das wohl aussehen mag? Ich persönlich freue mich ja sehr auf den neuen animierten Kinofilm, der sich mit eben dieser Welt befasst: Der Welt in unseren Köpfen. Wenn jemand eine Lösung gegen diese ungewollten Ausbrüche gefunden hat, möge man mir bitte umgehend Bescheid geben! Bis dahin werden wir jetzt einfach Handschuhe beim Verteilen des Zeckenschutzes tragen. Hätte man ja auch nicht vorher drauf kommen und die Situation vermeiden können. Naja, ihr wisst ja – hinterher ist man immer schlauer!
 
In diesem Sinne, werde ich jetzt anderen schwangerschaftsbedingten unabwendbaren Bedürfnissen nachgehen und erstmal Nudeln mit Tomatensauce verputzen.
 
Habt einen schönen Abend! Herzlichst, Antonia.
 

Ein Kommentar zu „Geh mir nicht auf die Nerven – Oder

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